VIER x Noir Fiction

Noir fiction, mit Hardboiled (Dashiell Hammett, Raymond Chandler) eng verwandt, gibt es sei über den 1930ern und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten weiter ausgefächert: Vom mediterranen Noir-Genre (Andrea Cammilleri, Manuel Vàzquez Montalban) über explizit französische Noir-Thriller wie Sébastien Japrisots „Mord im Fahrpreis inbegriffen“ (hier von R.J. Ellroy neben Albert Camus und Alain Robbe-Grillet gestellt) und den amerikanischen Noir: Dennis Lehane, Benjamin Percy etc.) – VIER x düstere Thrillerunterhaltung, zweimal Jim Nisbet, einen der großen Meister des Genres aus dem ohnehin verdienstvollen Pulp Master-Verlag, mit dem abgedroschenen Tonfall eines Gassenburschen: „Lavinia öffnete die Fahrertür und Ivy glitt hinter das Lenkrad. ‚Mann‘, sagte er, ‚in diesem Loch reden sie nur übers Arschficken und Jennifer Lopez.‘ – ‚Wer ist Jennifer Lopez?‘, fragte ich verschlafen.“ (aus „Der Krake auf meinem Kopf“- hier in 1LIVE Plan B mit Moderator Ingo Schmoll), einmal etwas Düsteres vom argentinischen Radiojournalisten Carlos Busqued und natürlich „Galveston“, das Debüt von Nic Pizzolatto, Erfinder der gerade gerade mit fünf Emmys ausgezeichneten Noir-Serie „True Detective“ (Beitragsbild und hier in 1LIVE Plan B mit Moderatorin Christiane Falk).

unter_dieser_furchterregenden_sonne-9783888976780_xxlEINS Carlos Busqued erzählt in seinem Debüt (übers. v. Dagmar Ploetz, Kunstmann, 192 Seiten, 17,90 Euro) vom dauerkiffenden Cetari, der die Tage vorm Fernsehen verbringt, sich Tierfilme über Riesenkraken im Golf von Mexiko und über “das nukleare Arsenal und die Abschreckungspolitik der USA in den Fünfzigerjahren” ansieht. Direkt am Anfang erfährt Cetari, dass “Daniel Molina, Unteroffizier der Luftwaffe a.D.“ seine Konkubine und deren Sohn getötet hat. „Also die Mutter von Certari. Er hatte beide mit einem Repetiergewehr in die Brust geschossen. Dann hatte er sein künstliches Gebiss herausgenommen und sich, das Kinn auf den Lauf stützend, in den Kopf geschossen.” Cetari fährt in eine Kleinstadt, wo die drei bis zum Tod lebten. Er wird fanatische Militärs treffen und Alkoholiker, er wird dunklen Geheimnissen seiner Verwandten nachspüren, in einen Sumpf gezogen, das Grauen nimmt kein Ende: “Hier im Zoo gibt es eine Elefantin, die viel geschlagen wurde. Sogar Elektroschocks hat sie bekommen. Sie sollte tanzen lernen. Und damit sie das lernte, stellte man sie auf ein Blech und setzte das unter Strom.” Vermenschlichte Tiere als Hinweis auf bestialische Folter während der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Ein harter Ritt – bis jeder selbst glaubt, wie auf einem Trip “Unter dieser furchterregenden Sonne” zu leben.

pulp35ZWEI „Der Krake auf meinem Kopf“ ist ein Noir-Thriller auf Heroin. Hier wird der schlafende Drache geradezu sinnlich von Punk-Musiker Ivy überm Gasherd geweckt: Er „jonglierte die Kugel zwischen den Klingen der beiden Menümesser, die er in den Händen hielt und deren violette Patina verriet, wie sehr sie diese ganz besondere Form der Missachtung der Etikette gewöhnt waren.“ Curly Watkins, der an einer Stelle mit Sherlock Holmes’ „Watson“ (296) angesprochen wird (siehe „James Wilson“ in Dr. House und „Adson von Melk“ in Umberto Ecos „Der Name der Rose“) will mit seinem alten Kumpel eine Band starten, gerät dann aber – verflixte Drogen – in eine Razzia und landet von dort aus ins Revier eines Serienkillers. „‚Aber das hier‘, sagte ich und präsentierte Lavinia meine Handflächen, ‚sind die Hände eines Künstlers. Ich setze sie nicht ein, um Menschen zu verprügeln.‘ – ‚Dann setz deine Füße ein.‘“ Auf einmal ist Stefan Stepnowski, Schlagzeuger der Trash-Metal-Band Tenesmus tot (wobei eher Thrash-Metal gemeint sein dürfte, wozu Dietmar Dath 2013 diesen großartigen F.A.Z.-Text veröffentlicht hat) und Curly hat ein größeres Problem als seine geschmeidigen Musikerhände. (Jim Nisbet: „Der Krake auf meinem Kopf“, übersetzt von Ango Laina und Angelika Müller, Pulp Master, 322 Seiten, 14,80 Euro)

met-galveston-finalDREI Die ganze Zeit hört man die Stimme von Matthew McConaughey in „Galveston“, dem 2011 im Original veröffentlichten Debütroman von „True Detectice“-Erfinder Nic Pizzolatto (übers. Simone Salitter/Gunter Blank, mit einem großartigen Noir-Nachwort von Blank, Metrolit, 256 Seiten, 20 Euro, Hörbuch bei DAV). Das Morbide von True Detective ist hier ebenso gegeben wie das Sumpf-Setting, der Antiheld, die moralische Korrosion der Gesellschaft, nur eben nicht aus der Sicht zweier Cops sondern eines Kriminellen. Roy Cody erfährt, dass er an Lungenkrebs krepieren wird. Das ist 1988. Er ist 40, wird von seinem Boss (der ihm die Freundin ausgespannt hat) zu einem Job eingeteilt, dort beinahe umgebracht, muss fliehen. Cody nimmt die 18-jährige Rocky mit, hat sie aufgegabelt am Tatort. Es geht „nach Südwesten, durch rankenverwobene Senken, vorbei an roststrotzenden Trailern. Vor einer Tankstelle konnte man noch die Fundamente der Zapfsäulen erkennen, die man abgerissen hatte. Aus den scheibenlosen Fensterlöchern des Gebäudes rankten Unkraut und Kletterpflanzen.“ Trostlos. Mit Geheimnissen beladen – die Roy Cody hinterrücks übermannen werden, während dieser nihilistische Mann glaubt, an seinen letzten Tagen „das Richtige zu tun“.

pulp32VIER Weil die Privatpraxis von Dr. Royce den Bach runtergeht arbeitet der heimlich nach Feierabend als angestellter Gefängnisarzt. Dr. Royce pflegt kranke Insassen gesund. Andererseits, als hätte er nie den Hippokratischen Eid abgelegt, schickt er gesunde Todeskandidaten per Giftspritze in den qualvollen Tod. Als Dr. Royce eines Nachts die Hinrichtung eines jungen Schwarzen “betreut”, kommen ihm Zweifel an der Schuld des Delinquenten. Der zweifelhafte Arzt fährt daraufhin ins Elendsviertel von Dallas und recherchiert. Schnell trifft er auf die drogenabhängige Colleen Valdez und ihren brutalen Gitarristenfreund Eddie Lamark, einstige Komplizen des Hingerichteten. Untermalt vom billigen LKW-Truckerbeat aus dem Radio zieht das Trio im Pick-Up los, scheinbar gemeinsam auf der Suche nach der Wahrheit. Tatsächlich schwebt Dr. Royce die ganze Zeit in Lebensgefahr. Erkennt der Gefängnisarzt rechtzeitig, welches Todesspiel hier veranstaltet wird? Brillianter Noir-Krimi, der im Vorwort bereits mit Dostojewski und Beckett verglichen wird. (Jim Nisbet: Tödliche Injektion”, übersetzt von Angelika Müller, Pulp Master, 232 Seiten, 12,80 Euro) Hier geht zur Krimi-Couch-Liste mit 153 Noir-Krimis von Ted Lewis bis Dave Zelterserman.

 

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