Rezension: Tauchertage und Ekelnächte

Herrliches Cover, kaputte Helden: „Tauchertage“ von Christopher Steier ist ein popinfizierter Anorexieroman. 

Was jetzt folgt ist nicht schön: Wer das Wort Todesnähe nicht mag, klickt bitte weg. Denn es geht um die Kombination von Jugend und Bulimie, auch Ess-Brech-Sucht genannt. Sie taucht in der deutschen Popliteratur immer wieder auf, als ständiges Motiv, als Irritationsmoment, als Spiegelbild. Anorexie begegnet einem in Christian Krachts „Faserland“ oder auch bei Kerstin Grether („Zuckerbabys“). Es ist eine Krankheit der Postmoderne, eine ebenso ekelerregende wie hedonistische Entsprechung unseres wahnsinnigen Konsumverhaltens. Alles aufnehmen können bei idealem Körperdesign, so präsentiert sich eine schillernde Fit- und Funwelt.

Doch es gibt einen Fehler im System: alles konsumieren, sich dabei nichts anmerken lassen. Dieses Verhalten ist paradox. Der Bielefelder Christoph Steier reiht sich ins Genre mit dem klug geschriebenen, aufrichtig erschütternden „Tauchertage“-Roman ein. Sein 20-jähriger Zivildienst-Held Kilian betreut kleine Kinder und müsste doch selbst unter Fürsorge stehen. Der junge Mann ist ebenso mager- wie esssüchtig, er ist krankheitsbedingt impotent, drogensüchtig, gestrandet beim Zivi-Kollegen Else: „Nur manchmal wunderte sich Kilian noch, wie mühelos er in Elses Prololeben eingestiegen war. Malochen, kiffen, Videothek, kiffen, gute Nacht.“ Hier zerbricht ein Leben, ein Mensch, eine Geschichte. Schauderhaft.

Kilian taucht tagsüber ab, packt das Leben nicht, schleppt sich von Fressanfällen zum Klo und wieder zurück, bis er zusammenklappt, ins Krankenhaus eingewiesen wird. Hier trifft er auf den hageren Hagen, der ebenfalls magersüchtig ist und mit Patientin Julika ein besonderes Fitnessprogramm beginnt. Joggen ist an diesem Ort verboten, denn „wenn ich bis Monatsende nicht auf fünfzig bin, muss ich wieder an den Schlauch.“ Der schnell gefundene Ausweg verbindet Lust und Diät: Julika und Hagen treffen sich zu Sexsessions. „Die Tante denkt wirklich, dass Pimpern die meisten Kalorien verbrennt.“

Jede Tätigkeit hat nur ein Ziel: abnehmen, Kilos verlieren, dünner, immer dünner werden, das Amy-Winehouse-, das Pete-Doherty-Ding. Bei Kilian taucht der Hunger immer schamloser auf, als Sucht, Sucht, Sucht. „Er fegte durch die Gedärme wie ein Stahlschwamm, kratzig und hart.“ So sieht es ganz unten aus, hoffnungslos gekettet an eine Mode-, an eine Stylekrankheit. Zum Glück leistet die aufopferungsvolle Freundin Charlotte Beistand. Sie schnappt sich ihren kranken Lover und bricht mit ihm aus, auf eine ferne Insel, fort von allem. Es ist die Schönheit der Chance, die einen weiten Himmel leuchten und das rührende Pärchen zusammenfinden lässt. Doch plötzlich ist Kilian wieder unglaublich schlecht…

Es ist ein großes Verdienst des mehrfach prämierten Autors, sich des Themas „männliche Magersucht“ anzunehmen. Christoph Steier setzt allerdings nicht auf bloße Schockeffekte. Er fragt nach den kulturellen Hintergründen dieser Krankheit, schreibt über die adelige Hungersucht, über gefeierter Hungerkünstler in den 1920er Jahren und in diesem Zusammenhang leuchtet auch der erste Satz von „Tauchertage“ in neuem Licht: „Als Kilian am Morgen seines zwanzigsten Geburtstags erwachte, wäre er gern ein Käfer gewesen.“ Das ist eine Variation des Anfangs von „Die Verwandlung“, einer Geschichte Franz Kafkas. Es lohnt sich, Kafka zur Hand zu nehmen, hat der Pragerdeutsche doch mit „Ein Hungerkünstler“ eine der bemerkenswertesten Parabeln des letzten Jahrhunderts verfasst.

In „Tauchertage“ sind einige Beschreibungen ernsthaft ekelerregend, nicht dazu geeignet, bei Lesungen frenetischen Beifall einzuheimsen. Hier will sich niemand mit schönen Sätzen einschmeicheln. Hier geht es hart zur Sache. Dieses Buch ist an keiner Stelle amüsant, ironisch, kuschelweich, tanzbar, pop. Doch es kommt zur rechten Zeit, zur Hochphase der Pro-Ana-Bewegung, die Schlankheitswahn als Lebensstil umcodieren will, mit teilweise abstrusen Begründungen. Es ist erschreckend, wie diese allzu oft tödlich verlaufende Krankheit als Ideal verkauft wird und normalgewichtige Menschen als Versager denunziert werden. Im Netz kursieren Fotos von scheinbar stolzen Pro-Ana-Anhängern, die ihren dürren Körper für die Allgemeinheit ausstellen. Was als Diät-Ansporn gedacht ist, müsste eigentlich stärkste Abwehrreaktionen hervorrufen. Aber die Gehirnwäsche funktioniert immer wieder. Ein Wahnsinn.

Christoph Steier: „Tauchertage“, Mitteldeutscher Verlag, 190 Seiten, 18 Euro

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