Riot Grrrl

Manchmal regnet es (wie jetzt), wenn Du montagnachts gegen mein Parterrefenster klopfst. An der Türschwelle tropfen Deine nassen blonden Wuschelhaare aufs Parkett. „Rauchen wir eine Zigarette?“ fragst Du und bringst kalten Luftzug mit. „Komme ich ungelegen?“ Darauf gibt es keine Antworten.Wenige Minuten später kochen wir Glückstee, ich suche ein Handtuch aus der Kommode, du kramst in Deiner Makrameetasche, „gibst du mir auch eine Kippe?“ frage ich und Du erinnerst mich nie daran, dass ich aufhören wollte. Das Momo-Ding: Solange wir rauchen, sind wir da. Wenn Du Tabak hast, drehst Du eine für mich mit.

Irgendwann hören wir im Hintergrund Singersongwriter-CDs, die Du mir aus einem alten Discman reichst… Als wir uns doch einmal küssten (was eigentlich verboten ist) sagtest Du: „Es ist das gleiche After-Shave wie damals.“ Sag es nochmal, bitte. Einmal hast Du nachts geklopft, nachdem Dich ein Typ abgewiesen hat. „Dich kann ich immer haben“, sagtest Du ziemlich frech. Eigentlich ist es lustig. Heute küssen wir uns nicht. „Lass und Freunde bleiben, ja?“ (Dein Running-Gag.) Meiner heißt: „Irgendwann heiraten wir ja doch.“

Deine regenklammen Haare erinnern an alle Sonntagvormittage, „weißt Du noch“, als Du naß aus der Dusche gestiegen bist, schlechtgelaunt, verkatert, „das war der verdammte Tequila!“, sag jetzt nichts. Wir haben Loungejazz aufgelegt, Lachsreste gegessen. Du wolltest Dich verkriechen, unter Decken und ich bemühte mich, leise zu sein. „Sind wir Freunde?“ fragst Du, als ich Dir von diesem Brief hier erzähle, „was ist das, mit uns?“ Wir schauen im Internet nach: „Freundschaft bezeichnet eine positive Beziehung und Empfindung zwischen zwei Menschen, die sich als Sympathie und Vertrauen zwischen ihnen zeigt“, steht da. Wir müssen den Satz zweimal lesen, um ihn exakt zu verstehen.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Aber häufig gibt es keinen Dritten, was dann? Wir haben aufgehört, uns zu umarmen, beim Rausgehen, Du überspielst sowas nonchalant. Ich sammele keine Zeitungsausschnitte für Dich. Es gibt keine itunes-Wiedergabeliste mehr, in der ich die Songs der Woche für Dich ordne. Aber: manchmal kochst Du für mich. Du bastelst Lichterketten aus buntem Transparentpapier. Wir treffen uns ständig „auf ein Bier“. Wenn ich friere ziehe ich wortlos den Pulli an. Du versuchst neuerdings, auf jeden Fall den letzten Bus zu erwischen. Du liest mir immer noch Gedichte vor. Ohne Dich ist alles nichts.

„Es gibt Tage, an denen fühle ich mich von Dir angerempelt.“ – „Bitte nicht wieder Band of Horses!“ Wir haben uns wegen Nichtigkeiten gestritten, bei Wichtigerem geschwiegen, Gräben gerissen, zwischen uns, Versöhnungen sind seit langem tränenlos, aber: ohne Dich ist alles nichts. Einmal hast Du strahlend von diesem Typ berichtet: „Er kann auf der Gitarre alle Beatleslieder.“ – „Kennt er auch alle Bundesländer?“ fragte ich beleidigt zurück. Zum Konzert bist Du anschließend allein gegangen. „Kann ich Dich in den Arm nehmen?“, mein Satz, als Du wieder vor mir standest.

In dieser Nacht hast Du ein letztes Mal bei mir gepennt. Ich bin mehrmals verwirrt aufgewacht. Was ist damals geschehen? Haben wir uns im Halbschlaf geküsst? „Das glaubst Du, lieber Freund“ Meine Lippen auf Deinen, ich weiß es nicht. Am nächsten Morgen bist Du schweigsam raus, durch die Tür, den Flur, wir waren verdammt verlegen. Ich kriege es nicht zusammen, was in, vor, nach unserer Beziehung war. Das Hives Konzert? Der Berlinbesuch? Die Lesung? Der Spieleabend? Weihnachten im Bett? Die Spieltrieb-Diskussion? Madsen, Die Sterne, Tomte im Rex-Theater? Element of Crime und der Neurosengarten. „Du spinnst ja!“ sagst Du manchmal.

Unsere Freundschaft ist anders und bedeutet ständig sammeln: es geht um Beweise, Gegenbeweise, Argumente, die in brüchigen Momenten aufs Eis, ins Feld geführt werden können. Ohne Dich ist alles nichts. Du findest es lustig, dass ich mir keine nackten Körper merken kann, aber es macht dieses Freund-schaftsding zwischen uns überhaupt erst möglich. Geheimnisse: Ich weiß nicht mehr, wie Du kratzt. Du kennst meine Affairen bloß vom Hörensagen. Gibt es jemand Neues, surfen wir Myspace und studi-VZ gemeinsam ab. Du schaust erst auf die Bands, ich auf die Fotoalben des neuen Schwarms. „Männer!“ sagst Du dann, aber das ist zwischen uns schon lange kein Vorwurf mehr.

Mit Dir befreundet sein bleibt schön, und auch notwendig. Es ist, das weißt Du, die zweitbeste Lösung, sowieso, für Dich, für mich. Draußen regnet es, noch immer. Du kennst diesen Brief, ich kenne Deinen neuen Typ, wir sind verliebt. Der letzte Bus kommt gleich, „hey, noch ein Bier“, sagt Du und knackst die Flaschen mit den Zähnen. Dass Du hier nie wieder schlafen wirst, ist klar. „Freunde?“ – „Ja!“

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