Rezension: Niemand hört zu

„Sag mal, Anna, verhütest du eigentlich?“ – „Nö, du?“ – „Wie, du verhütest nicht?“ In Rainer Schmidts Roman „Wie lange noch“ gibt es nicht nur diesen einen Schlag in Felix‘ Magengrube, sondern auch eine Menge Kopfnüsse, Massenprügeleien und Streetfights, bis sich alle Verheißungen des hellblutroten Covers erfüllt haben.

In den letzten Sommerferien vor’m Abitur hängt die ebenso verhöhnte wie raue Clique von Felix aus der Rosensiedlung im ultraheißen Düsseldorf ab. Der romantische Junge versucht, im schweißtreibenden Chaos den Überblick zu behalten, zwischen nicht verhütenden Glatzen-Punks wie Anna, zwischen betäubenden Joint-, und ebenso betäubenden Boxrunden, zwischen dem Riot, dem Aufstand im zerrissenen Herzen. Währenddessen titelt der Boulevard: „Stirbt der letzte Punk?“ – Hier stirbt nicht nur eine Punk-, und Jugendkultur; hier stirbt analog das zarte Gefühl des Helden. Felix erkennt, dass die Welt nicht schimmert, sondern allenfalls gewitternd blitzt: „Wenn die schwanger ist, sagst du einfach, du wärst es nicht gewesen“, rät seine abgebrühte Mutter beim Gemüseschneiden in der Küche, „für einen Anwalt und all diese Sachen sind diese jungen Dinger doch viel zu dumm und unerfahren.“ Da will ein 18-Jähriger Verantwortung übernehmen, doch niemand gesteht ihm diese zu. Felix will das große, romantische Leben: „Ich will keine Songs über die Liebe hören, ich will lieben.“

Aber besagte Glatzen-Anna erinnert sich wenige Tage später nicht einmal an die gemeinsam verbrachte Nacht. Das ist zum Verrücktwerden. Gibt es Auswege? „Nur wenn wir Masse bilden und darin verschwinden, sind wir überhaupt erträglich.“ Dieser Satz, gedacht beim The Cure-Konzert, entfaltet deshalb eine ekelige Wucht, weil er von einem Menschen, von Felix, geäußert wird, der eigentlich ganz laut „Ich!“ schreit, die ganze Zeit. Aber niemand hört zu. – Rainer Schmidt wurde 1964 in der Nähe von NRWs Punk- und Glamourstadt Düsseldorf geboren. Im Klappentext heißt es: „Er wuchs in einer Zeit auf, in der Jugendgewalt zum Alltag gehörte, ohne dass sie ein großes Medienthema war.“ (Stimmt, sobald man Kinofilme wie „Clockwork Orange“, von Stanley Kubrick ignoriert.) Auf dem Schwarzweißfoto schaut der hübsch-gepflegte (blonde? grauehaarige?) Debütant nicht so aus, als ob er häufig in Keilereien verwickelt war; ein Gesicht, wie eine römische Gladiatorenbüste. Dass er für’s Wohlfühlgossipmagazin Vanity Fair schreibt, passt optisch, passt stilistisch, passt sowieso. „Wie lange noch“ ist ein frisches, erstaunlich unszeniges Jugendstück.

Rainer Schmidt: „Wie lange noch“. KiWi, 368 Seiten, 9,95 Euro

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