Rezension: Atemlos durch den Tag

Dieser Bücherherbst kommt mit einer Verlagsneugründung – Pandemie hin oder her – der einstige Ullstein-Geschäftsführer Gunnar Cynybulk stellt in Berlin das erste Programm des Kanon Verlags vor, darunter auch die Neuauflage eines seinerzeit untergegangenen Romandebüts mit dem Titel „Deadline“. Erschienen ist „Deadline“ 2008 im Mitteldeutschen Verlag aus Halle. Geschrieben hat dieses Buch der spätere Bestsellerautor Bov Bjerg. »Deadline«, wurde damals verhalten, aber freundlich besprochen und verkaufte sich lediglich 224 Mal. Ein paar Jahre später brannte das Außenlager der Verlagsauslieferung ab und vernichtete die restliche Auflage. Über ein gutes Buch, das einst zu Unrecht untergegangen ist.

Die übergewichtige Paula ist Ende 30, übersetzt in den USA Gebrauchsanweisungen und hetzt von Deadline zu Deadline durch ihr beschleunigtes Leben. „Deadline“ heißt konsequenterweise auch Bov Bjergs erster Roman, der auf eiligen 120 Manuskriptseiten – als Buch großzügig auf 150 Seiten gesetzt – erzählt, wie diese übergewichtige Übersetzerin in ihr deutsches Heimatdorf fährt, um ihre kranke Mutter zu besuchen, und wie sie während dieses Besuchs konfrontiert wird mit einer selten gespürten Langsamkeit: „Das Haus war verlassen. Von draußen das Brummen der Straße. Aus der Küche ein Summen. Die Spülmaschine (tatsächlich: eintausend Watt) sprühte, pumpte, dampfte. Vorspülen, reinigen, zwischenspülen, klarspülen, trocknen. Summte tiefer, höher, schlug mit den Ventilen.“

Grabsteine als Terrassenpflaster

In Paulas Elternhaus, irgendwo im dörflichen Mittelgebirge gelegen, wohnt nun die Schwester mit ihrem Ehemann und den Kindern. Die Mutter liegt als Pflegefall im Altenheim. Der Vater, einst Steinmetz, ist bereits gestorben und hat seine skurrile Terrassenpflasterung zurückgelassen – ausrangierte Grabsteine: “Er hatte mit der Gemeindeverwaltung eine Vereinbarung getroffen. Wenn eine Grabstelle abgelaufen war, räumte er den Stein weg. Den Stein durfte er behalten. Für den Rest war der Grabmacher zuständig, der taubstumme Wagner.”

In den ersten Kapiteln, Paula ist noch in den USA, inszeniert der Text Transiträume; Geschäftshotels, Flughäfen, Fähren. Es gibt keinen Stillstand. Die Welt wird im Merkzwang passiert und registriert, benannt und weggeschoben wie die Nachrichten auf einem jener iPhones, die ein Jahr vor Veröffentlichung von „Deadline“ auf den Markt gebracht wurden. Die ersten Kapitel sind, Paulas Bilingualität nachzeichnend, von deutsch-amerikanischer Managersprache durchwirkt. Da steht „You know“ und closed, boarding, in air, departure: “Mind the bugs don’t bite. Pass auf, dass dich die Wanzen nicht beißen. Mind the bugs, the bugs, the bucks. Warum denn mind the bucks. Big dig. Big dick. Ich fiel, die Beine zuckten. Ich erschrak. Hypnic jerk. Der Schlaf war da. Ich brauchte nur zu atmen. Ich brauchte nur zu existieren, dann trieb ich hinüber. Die warmen Lamm­ fellpantoffeln des Prädormitiums.“

Schwagerdaumendicke Scheiben

Der parataktische Stil bleibt konsequent gleich. Das Tempo hingegen wechselt. Der Fokus dieses formal hektischen Bewusstseinsstroms verschiebt sich, wenn Paula in Deutschland ankommt. Ist ihre Aufmerksamkeit im USA-Anfang noch auf rasante Phänomene gerichtet, scheint ihr Blick später beruhigt, im Dorf, zwischen Kuchen-Nachmittagen und Grill-Abenden. „Auf einem Serviertisch standen Glasschüsseln (Blütenform, fünf Liter): Kartoffelsalat, Feldsalat. Stangenbrot war schräg geschnitten, in schwagerdaumendicke Scheiben.“

Die sprachliche Reife dieses Debüts korrespondiert mit dem damaligen Alter Bov Bjergs, der nach einer jauchzenden Lesebühnen-Karriere mit Mitte dreißig ein Schreibstudium in Leipzig absolvierte und im Alter von 40 Jahren seinen Romanerstling vorlegte. Sieben Jahre später erschien sein Bestseller „Auerhaus“, 2020 „Serpentinen“, beides Bücher, die von Depressionen und melancholischen Betrachtungen durchwirkt sind. Die Melancholie in „Deadline“ wird evoziert durch die langsam sterbende Mutter: „Verstand sie mich? Oder war sie abgetaucht in ihre Vergangenheit, in ihr Langzeitgedächtnis, das ihrer kranken Eigenzeit weismachte, es sei die Gegenwart? »Gleis.« Sie redete von der Fabrik, von der Modelleisenbahn. Sie dachte an die Tenderlok und an das Krokodil. Sie sprach zu mir im Glauben, ich sei eine Kollegin, die neben ihr saß und Lämpchen auf Modellbahnwaggonchassis schraubte.“

Die finale Deadline

Die Zeit, die einerseits der Mutter bleibt, die Zeit, die andererseits ihre Tochter antreibt, der Boden, über den sie in den Vereinigten Staaten eilt, der Boden, der sie daheim zum Stillstehen zwingt, die Zeit und der Boden strukturieren diesen für Bov Bjerg typischen Roman. Auf poetische Weise wird gezeigt, warum es nicht lohnt, von Deadline zu Deadline durchs Leben zu hetzen. Es wird gezeigt, in welcher Weise allein die beruhigte Begegnung tröstet angesichts jener finalen Deadline, jener Todeslinie, die stets wartet. Mit Überschreiten der Todeslinie bleibt ein düsteres Grab, das nach Ablauf der sogenannten Liegezeit ohnehin aufgelöst wird. Die letzte Rettung gegen das Vergessen sind Erzählungen, wie dieses schon für tot erkläre Debüt von Bov Bjerg, das nun verdientermaßen auferstanden im ersten Programm des feinen Kanon-Verlags aus Berlin.

Bov Bjerg: „Deadline“, Kanon-Verlag, Berlin, 160 Seiten, 22 Euro

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