Vor knapp zwei Jahren, am 30. April 2024, verstarb der amerikanische Schriftsteller Paul Auster, Autor großer Romane wie „Leviathan“, „4 3 2 1“ oder „Mr. Vertigo“. Ungebrochen ist das Interesse sowohl an seinen Büchern als auch an seiner Person, was sich schon bald wieder zeigen wird, wenn Austers Witwe Siri Hustvedt „Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerung“ über ihre auch intellektuell interessante Beziehung auf Deutsch veröffentlicht. Die Wartezeit kann nun verkürzt werden mit einer Graphic Novel, die jene drei Romane illustriert, mit denen Paul Auster in den 1980er Jahren bekanntgeworden ist – und die zusammengefasst als „Die New York-Trilogie“ Weltruhm erlangt haben.

Ob Filme an ihre literarischen Vorlagen heranreichen können, ist ein beliebtes Diskussionsthema von Kinogängern und Buchhandelskunden. Wenn sich Adaptionen Eigenständigkeit gestatten, kann Herausragendes entstehen, etwas, das sich über die vorausgegangenen Romane oder Novellen erhebt. Bekannte Beispiele für beeindruckende Interpretationen sind Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“, Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ oder David Finchers „Fight Club“ – rare Perlen.

Noch seltener gelingt die Graphic-Novel-Adaption, die durchaus mit dem Film-Storyboard verwandt ist. Drei Illustratoren haben sich im Abstand mehrerer Jahre überaus mutig an Paul Austers legendäre New-York-Trilogie gewagt. Der Italiener Lorenzo Mattotti und die beiden US-Amerikaner Paul Karasik und David Mazzuchelli präsentieren in je unterschiedlichem Stil Austers Detektivromane „Stadt aus Glas“, „Schlagschatten“ und „Hinter verschlossenen Türen“. Sie sind einmal sehr, in zwei Fällen leider überhaupt nicht gelungen: „Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht läutete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.“

So beginnt „Stadt aus Glas“, die erste der drei Geschichten. Der Graphic-Novel-Text hält sich über das gesamte Buch hinweg an die Rowohlt-Übersetzung von Joachim A. Frank, die allerdings stark gekürzt verwendet wird. Immerhin: Illustrator David Mazzucchelli gelingt in seiner Adaption so etwas wie eine postmoderne Erweiterung. Erzählt wird vom New Yorker Krimischriftsteller Daniel Quinn, der scheinbar irrtümlich als Detektiv beauftragt wird und infolge seiner Recherche in der amerikanischen Super-Metropole verlorengeht.

„Und wohin immer er verschwunden sein mag, ich wünsche ihm viel Glück.“ Mit diesen Worten endet das mysteriöse, an Franz Kafka und Samuel Beckett erinnernde Verwirrspiel. Mazzuchelli wurde bereits in den 1980ern für seine Comics von Daredevil und der Batman-Story „Year One“ gefeiert.

In seiner „Stadt aus Glas“-Bearbeitung durchdringt er den semiologischen, von Babel bis Borges reichenden Verweisraum dieser weiterhin sehr guten Auster-Geschichte. Die labyrinthische Großstadt-Unübersichtlichkeit auf der einen Seite, die in keiner Weise als etwas Zusammenhängendes lesbar ist, und der Sturz ins Rabbit Hole auf der anderen Seite werden erfahrbar, in den Zeichnungen unmittelbarer als in der zugrundeliegenden Romanfassung. Die unkolorierten Schwarz-Weiß-Szenen evozieren ein Crime-Noir-Flair, erinnern an Verfilmungen der stimmungstragenden, für Auster immanent bedeutsamen Detective Stories von Raymond Chandler und Dashiell Hammett. „Und immer hatte er das Gefühl, sich selbst zurückzulassen.“

Diese „Stadt aus Glas“-Bearbeitung ist und bleibt ein Meisterwerk, das schon beim Erscheinen der Originalausgabe hoch gelobt wurde. Aufgrund dieses herausragenden Einstiegs wirken die nun folgenden Adaptionen von Paul Karasik und Lorenzo Mattotti wie Antithesen, als hätten sich die beiden Zeichner vorgenommen, die denkbar langweiligste Form zu finden, um zwei an sich aufregende Romane graphisch umzusetzen. „Schlagschatten“, diese Parabel um Privatdetektiv Blue, Auftraggeber White und Zielperson Black wird lediglich kommentierend illustriert. Die Geschichte ersäuft im Schattenbad, bis sie wie totinterpretiert daliegt und der letzte Satz die Ratlosigkeit nicht nur des Erzählers, sondern hier auch des Betrachters zusammenfasst: „Und von diesem Augenblick an wissen wir nichts mehr.“

Um von dort aus weiterzublättern zu der interessantesten Story dieser Trilogie, die „Hinter verschlossenen Türen“ spielt und den Traum aller ignorierten Schriftsteller imaginiert. Ein unveröffentlichter Autor von Gedichten, Romanen und Einaktern fingiert seinen Tod, um pseudoposthum zu beobachten, wie seine zurückgelassenen Werke zu modernen Klassikern avancieren. Man denkt an die Tragödie um den chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño, der unmittelbar nach seinem frühen Ableben 2003 plötzlich gefeiert wurde als einer der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Austers „Hinter verschlossenen Türen“ erlangte seitdem einen beinahe eschatologischen Status.

Doch Paul Karasiks Bilder finden lediglich naturalistische Lösungen. Hier wurde Graphic-Novel-Gold versenkt, weshalb man den dreiteiligen Band mit gemischten Gefühlen schließt – glücklich über David Mazzucchellis „Stadt aus Glas“-Interpretation, betrübt über die anderen beiden Adaptionen. Immerhin ist das herausragende Stück als Einzelausgabe lieferbar: mit einem Vorwort von „Maus“-Erfinder Art Spiegelman. Zu dieser sollte man greifen und das gesparte Geld schon bald investieren, wenn endlich „Ghost Stories“ von Siri Hustvedt erscheint, wo wir ein letztes Mal Paul Auster auf Augenhöhe begegnen werden.

Paul Auster: „New-York-Trilogie“, grafisch umgesetzt von David Mazzucchelli, Lorenzo Mattotti, Paul Karasik, aus dem Englischen von Joachim A. Frank, Reprodukt, Berlin, 400 Seiten, 29 Euro

 

 

Jan Drees

Ich bin Redakteur im Literaturressort des Deutschlandfunks und moderiere den „Büchermarkt“.

Im Jahr 2000 erschien mein Debütroman „Staring at the Sun“, 2007 folgte ein überarbeiteter Remix des Buchs. Im Jahr zuvor veröffentlichte der Eichborn-Verlag „Letzte Tage, jetzt“ als Roman und Hörbuch (eingelesen von Mirjam Weichselbraun). Es folgten mehrere Club-Lesetouren (mit DJ Christian Vorbau). 2011 erschien das illustrierte Sachbuch „Kassettendeck: Soundtrack einer Generation“, 2019 der Roman „Sandbergs Liebe“ bei Secession. Ich werde vertreten von der Agentur Marcel Hartges in München.

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