Plaisir d’Amour – Die neue Lust ist weiblich

Sex sells – erotische Literatur aus Frauenhand begeistert. Neuerdings umhüllen die Autorinnen ihre drastischen Themen aber mit dem Feigenblatt eines sogenannten Anliegens. Report aus einem Genre nahe der Schmuddelecke.

Der Hamburger „Centralpark“ ist keine grüne Lunge sondern eine künstlich angelegte Strandbar, mitten „auf Schanze“, dem Fleckchen also, das in Reiseführern als alternatives Kulturviertel bezeichnet wird. Hier treffen sich morgens junge Mütter mit ihren SUV-Buggys, schauen verzückt ihren Kleinsten im Sandkasten zu. Es riecht nach Latte Macchiato, Ökotest geprüfter Sonnenmilch . Das Licht spielt im sanften Sfumato über das fußballfeldgroße Liegestuhlareal. Der Ort ist ein kleines Paradies.

„Klar, in meinem Roman Schanzen-Slam ist es die Frau, die den Analverkehr will“, sagt Victoria B. Robinson. Ich bin an diesem Vormittag mit der 29-jährigen Autorin aus Hamburg zum späten Frühstückskaffee verabredet. Es geht um ihren ersten Roman „Schanzen-Slam“, der von ihren Fans heiß erwartet wird. Die attraktive Deutsch-Amerikanerin ist ein It-Girl der jungen Erotik-Szene. Mit ihrem frivolen Sachbuch „111 Gründe, Männer zu lieben“ zieht sie nach eigenen Angaben „viele junge Frauen, aber auch eine Menge älterer Herren“, zu ihren Lesungen. Als Spoken-Words-Künstlerin, im Hipster-Fachjargon „Poetess“ genannt, tritt sie seit fünf Jahren bei sogenannten Performances auf und engagiert sich in der „Black Community“, streitet gegen den immer wieder neu aufbrechenden Rassismus, gerade im Erotik- und Pornographiebereich. Sie bevorzugt Sexszenen, die sich abheben von „Gina Wild im Leopardenfell, wo dann die schwarze Frau mit dem dicken Hintern zur Trommelmusik die Treppen hinabschreitet und beide lüstern übereinander herfallen“.

Guter Sex sieht anders aus. Das beweist Victoria B. Robinson. Ihr Roman erzählt von einer Mädelsclique, die im Hamburger Schanzenviertel unterwegs ist, Poetry-Slams besucht, Jungs aufreisst, sich über „Cappuccino-Ficker“ aufregt, die ihre schwarzen Gespielinnen nicht überall herzeigen wollen: „Zum Vorführen bei den Kumpels geht das ganz gut. Aber für die Öffentlichkeit hätten sie doch lieber ihre dürre Blondine.“ „Schanzen-Slam“ erscheint beim Berliner Anais-Verlag, der seit einem Jahr mit Erotikromanen von Frauen für Frauen Bestsellerlisten und Boulevardmagazinplätze besetzt. „Männer schreiben anders über Sex und Erotik. Mir ist es aber wichtig, dass der Sex so beschrieben wird, dass er für mich nicht nur erregend und nachvollziehbar, sondern auch persönlich und sympathisch ist“, sagt Programmleiterin Jennifer Hirte. „Ich habe bei Texten von Männern ganz oft das Problem, dass sie zu derb sind, zu mechanistisch oder zu unterkühlt. Im Prinzip scheitern die meisten Sexszenen am Vokabular. Es herrscht so eine gewisse Pragmatik.“

Mit ihren unpragmatischen, sehr offenherzigen Büchern hat Anais, ein Imprint des Pop-Trash-Verlags „Schwarzkopf & Schwarzkopf“ überwältigenden Erfolg. Zum Start übertraf „Frühling und so“, das Debüt der 18-jährigen Schülerin Rebecca Martin, mit eienr gedruckten Auflage von 100 000 Exemplaren alle Erwartungen. „Wir bekommen viele Zuschriften zu unseren Romanen“, sagt Jennifer Hirte, die ihre ethnologische Abschlussarbeit an der Universität einst über „Selbstbefriedigungsdiskurse“ schrieb. „Eine Leserin schrieb tatsächlich, dass sich Sexleben durch unsere Bücher verändert hat, dass sie seit einiger Zeit mehrere Orgasmen am Tag erlebt. Das ist schon toll.“ Das ist engagierte Literatur. Sie verändert Menschen – außer Jennifer Hirte. Die zweifache Mutter lässt sich von ihrer Arbeit daheim nicht beeindrucken: „ Ich habe mich für solche Literatur schon lange interessiert. Ich bin schon lange versaut.“

Diese entwaffnende Ehrlichkeit, die mit einer Menge feministischem Impetus daherkommt, erklärt den Boom etlicher Erotiktitel der vergangenen Monate. Bei Anais werden herabsetzende, männlich kodierte Begriffe wie Lustgrotte, Bumsen, Einlochen, Lanze, Ficksahne und Lendenfrucht aus den Manuskripten herausgekürzt. „Schwanz, Möse, Pussy, ficken, vögeln, lecken gehen aber durchaus“, sagt Jennifer Hirte. Von Charlotte Roches hygienekritischem Millionenbestseller „Feuchtgebiete“ ist das alles ein gewaltiges Stück entfernt, weil Anais-Titel weniger hart daherkommen – ausgenommen selbstverständlich die Sado-Maso-Romane: „Es gibt da eine Riesenszene und die hungert auf authentische und gut geschriebenen Bücher.“

„Es ist sicherlich eine Herausforderung über Sex zu schreiben“, sagt Esma Annemon Dil, die gerade mit ihrer Freundin Ariane Sommer den Erzählband „Foreign Affairs“ veröffentlicht hat. „Es ist nicht ganz einfach, es so zu machen, dass es nicht kitschig oder klischeehaft wird. Man muss da schon ehrlich sein, nicht immer auf den ersten Gedanken hereinfallen. Der ist oft nur das, was sozial erwünscht wäre.“ Die beiden Journalistinnen und einstigen Glamour-Mädchen – Ariane Sommer war zur Jahrtausendwende Berlins Paris Hilton – schreiben über fremdländische Beziehungsgeschichten, über „Foreign Affairs“, die irgendwo zwischen Saint Tropez, Bel Air und Genf spielen. Aber auch hier geht es um mehr als den Lese-Quickie für blaue Stunden im heißen Satin. Direkt in der ersten Geschichte wartet ein impotenter Ehemann im Wartezimmer eines Gynäkologen, während sich seine Frau eine Tür weiter künstlich befruchten lässt. Er glaubt, sie lasse sich seinen Samen einpflanzen, während sich die Gattin tatsächlich in der Samenbank bedient hat. Das Erbgut eines 23-jährigen Kevin röhrt bereits „wie ein Ferrari“ durch ihren Muttermund. „Etlichen Männern lief es hier eiskalt den Rücken runter, weil die Geschichte wahre Urängste bedient“, sagt Esma Dil. „Schlussendlich weiß nur die Frau, von wem das Kind ist“, sagt Ariane Sommer, als gäbe Gentests nur für Väter. Aber die Aussage wirkt.

Wie „Schanzenslam“, „Feuchtgebiete“ oder eben „Foreign Affairs“ spielen viele Erotik-Bestseller neuerdings mit gesellschaftskritischen Thesen, nutzen den „Sex Sells“-Impuls, um feministische, rassenpolitische oder machtzentrierte Diskurse an die Frau und vor allen Dingen den Mann zu bringen. Mit dem schamhaften Feigenblatt eines sogenannten „Anliegens“ erheben sich diese Produkte über Schmuddeleckenware konkurrierender Verlage, in denen es vor „bereitwilligen“ Gespielinnen („Venusakt“ von Jona Summersby“), fellatioverliebten „Kehlensängerinnen“ („Lust-Poker“ von Madeline Moore) und „mittlerweile nassen Spalten“ (Kira Maeda in der Anthologie „Wenn es dunkel wird im Märchenwald“) nur so wimmelt, wo „flimmernde Schwüle, eine knisternde, flirrende Oasenluft“ („Vögelfrei“ von Sophie Andresky) einem die Kehle zuschnüren.

Wenn man dann die wirklich sehr schön gestaltete Anthologie „Das literarische Kamasutra“ durchblättert, fällt schnell auf, warum diese oft auf „Praline-“ und „Weekend“-Niveau zusammengeschmierten Billigdruckbändchen pseudonymisierter Wegwischschreiber(innen) so unerträglich zu lesen sind. Im Kamasutra-Gruppensex machen selbst Honoré-Gabriel Comte de Mirabeau („ihre Bonbonniere mußte meine Schäkereien ertragen“), Émile Zola, Günter Grass und Zeruya Shalev eine unglückliche Figur. Hier gibt es zu viel Sex auf zu wenig Seiten. Denn es sind die Liebes- und Paargeschichten vor und nach dem Koitus, die ein bisschen Seele und Leidenschaft zwischen zwei Buchdeckeln schaffen. Begegnungen ohne Herz, Sinn und Verstand findet man in der Wirklichkeit auch nur dort, wo sich etliche Verlage mit ihren Titeln tummeln – im Rotlichtviertel.

Von der Schanze bis zur Reeperbahn sind es nur wenige hundert Meter – doch die sind manchmal entscheidend. Zwischen Sex unter der Stuckdecke daheim und der gleichen Aktion ein paar Ecken weiter unter schummrigem Rot besteht ein gewaltiger Unterschied. Bei Victoria B. Robinson nehmen sich die Frauen, was sie brauchen und wagen sich durchaus weit heraus: „Sie massierte ihn mit einer Hand und griff immer mal wieder nach seinen Eiern“, kann man hier lesen, „mit ihrer zweiten Hand kontrollierte sie die Bewegungen seiner Hüfte und sorgte dafür, dass er ihren Mund in ihrem Tempo fickte.“ Das klingt vielleicht gewöhnungsbedürftig, ist aber 1000 Mal erotischer, cleverer und entspannter zu lesen als ungefähr 99 Prozent der verfügbaren Regalmeterware aus der Peepshowecke typischer Bahnhofsbuchhandlungen. „Meine männlichen Freunde waren extrem verwundert, nachdem sie mein Manuskript gelesen haben“, sagt Victoria B. Robinson und lacht: „Aber hey – so ist es eben.“

Victoria B. Robinson: „Schanzen-Slam“, Anais, 224 Seiten, 9,90 Euro / Rebecca Martin: „Frühling und so“, Anais, 256 Seiten, 9,90 Euro / Esma Annemon Dil, Ariane Sommer: „Foreign Affairs“, weissbooks, 200 S.,14,95 Euro / Jona Summersby: „Venusakt“, Heyne, 220 Seiten, 7,95 Euro / Madeline Moore: „Lustpoker“, Bastei-Lübbe, 270 Seiten, 6,95 Euro, übersetzt von Sandra Green / Astrid Martini, Kira Maeda u.a.: „Wenn es dunkel wird im Märchenwald – Erotische Märchen“, Plaisir d‘Amour, 180 Seiten, 14,90 Euro / Sophie Anddresky: „Vögelfrei“, Heyne Hardcore, 240 Seiten, 7,95 Euro / Sabrina Melandri: „Das literarische Kamasutra – Die schönsten verborgenen Stellen der Weltliteratur“, Thiele, 174 Seiten, 18 Euro

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