Linkradar: Über Playmobil-Literatur

Über den peinlichen Sexismus-Auftritt von Kinderbuchverlag Oetinger (der hier im NDR nicht überzeugend verteidigt wurde) ist sehr viel geschrieben worden – und man muss dem nicht viel hinzufügen. Es gibt Wichtigeres, wirklich die Welt Bewegendes wie der plötzliche Tod des „letzten deutschen Großschriftstellers“ (als wüchse das literarische Werk Dietmar Daths nicht jährlich um zirka 1500 Seiten) und die Zombiefizierung des ZDF. Schlimmer als aus dem Literaturbetrieb sind nur die Nachrichten von der Monopol-Seite des Kapitalismus: Babymilch von Nestlé gibt es jetzt auch in Kapselform.

220px-Günter_Grass_auf_dem_Blauen_SofaMit letzter Tinte: war es klar, dass der Tod von Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass (Bild) zu Bestürzung (auch an der Algarve), zu F.A.Z.-Marathon-Nachrufen und auch zu  einem Satiresturm führen wird. Die Titanic bringt das Testament– selbstverständlich unterschrieben mit dem Datum des 29. April 1945, 4:00 Uhr, also zur gleichen Zeit wie das Testament des kapitulierten „Führers“ Adolf Hitler. Sonniger ist dieser Beitrag von Katz & Goldt (Ausschnitt: Beitragsbild oben) das „dem Unbequemen“ gewidmet ist. Ein Trostpflaster gibt es für alle Grass-Fans (zu denen ich auch gehöre) – es wird ein neues, ein letztes Werk geben, aus dem am 12. Juni erstmalig in Göttingen gelesen wird.

hempel_2Was uns treibt: So heißt ein empfehlenswerter Short-Story-Band von US-Amerikanerin Amy Hempel, den Kollege Stefan Mesch für Luxbooks übersetzt hat. Erzählt wird nicht von  Geld und Ruhm, dem Antrieb so vieler Mitmenschen. Sondern, sehr lakonisch, von Überlebenden, Preisausschreiben-Junkies und Tiernarren. Es geht um ein geplantes Blind Date, das wegen eines falsch geschnittenen Ponys zu platzen droht. Und hinter diesen Belanglosigkeiten steckt immer eine monströse, eine tragische Vorgeschichte. Die Storys von Amy Hempel sind wie „Der weiße Hai“. Man schaut aufs glitzernde Meer. Und plötzlich: taucht der brüllende Tod aus den Tiefen auf.

71JE3foEo0L._SL1000_Clemens Setz mit Playmobil erklärt: Wird es so weit kommen, wenn Harald Schmidt das „Literarische Quartett“ auferstehen lässt? Um das ZDF zum Nachdenken zu bringen sei hier kurz an einen Artikel von 2003 erinnert, der nach einer Ausgabe der Elke-Heidenreich-Sendung „Lesen!“ erschienen. Schmidt war damals Gast und hatte „Zwölf“ von Nick McDonell vorgeschlagen, das im gleichen Verlag wie seine Sachen erscheint (bei Kiepenheuer & Witsch). Roger Willemsen stellte dem Kollegen später ein „Armutszeugnis“ aus, weil Schmidt zugegeben hatte, das Buch sei lediglich eine Empfehlung des Verlegers gewesen und tatsächlich nicht seine erste Wahl gewesen.

haftbefehl-russisch-roulette-158865Chabos wissen, wer der Babo ist: Germanistikprofessor Sven Hanuschek von der LMU in München ist es jedenfalls nicht. Fürs VICE-Mag, das sich laut ZEIT-Redaktion deutlich an den „regular dude“ richtet, hat er die Lyrics von Haftbefehl analysiert und vor versammelter Crwod lächerlich gemacht. Die Seite „Texttheorie und Gestaltung“ schreibt eben hier: „Man stelle sich vor, jemand sagt über die Dramatik des jungen Goethe: ‚Es gibt da einen starken umgangssprachlichen Anteil. Ich denke, das liegt an den Vorbildern von Goethe. Soweit ich weiß, hat er so englische Leute gelesen, die auch Dramen geschrieben haben, und das wird natürlich aufgegriffen.‘

8724e81896c125cd275933f8c63ef3fcv1_abs_133x133_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2In eigener Sache: Donnerstag war mein erster Arbeitstag beim Freitag (in der kommenden Ausgabe stehe ich also im Impressum unter „Redaktion“). Besonders schön ist, dass wir die Kantine des gegenüberliegenden Maxim-Gorki-Theaters nutzen können, wo das Mittagessen vier Euro kostet und man im Garten zwischen Bühnenarbeitern, Schauspielerinnen und Kostümschneidern sitzen kann (Freitag gab es Fisch mit Zitronensauce, Reis und Spinat). Am Sonntag lief bereits eine Sache über den #Akzelerationismus in „Sein und Streit“ (Deutschlandradio) – und kommende Woche Sonntag läuft in „Essay und Diskurs“ (Deutschlandfunk) meine halbe Stunde zum „Akzelerationistischen Manifest“ (hier im Blog).

Pausenbild

Ohne Titel

Obacht Redaktionen: Vorbereitete Nobelpreisträger-Nachrufe nicht zu schnell einstellen, Klicks hin oder her.

Konsuminventur

5807149175_42df45d273Rationierte Brüste: Es geht jetzt nicht um einen Backlash zur derzeit sehr erfolgreichen #FreeTheNipple-Kampagne, sondern um ein Produkt aus dem Hause Nestlé – genau jenem Unternehmen (Maggi, Vittel, Mövenpick), das Zugang zu sauberem Trinkwasser nicht als Grundrecht ansieht und sogar das gewinnbringend vermarkten will. Neuer, bereits im Jahresbericht 2014 erwähnter Coup ist das Produkt BabyNes. Es funktioniert wie eine Kaffeekapselmaschine – doch statt gemahlener Bohnen werden hier Babymilchpulver in Kapseln verkauft. Auf der Produkt-Webseite steht geschrieben, man sei inspiriert vom „Modell der Muttermilch“. Im Kapitalismus ist jedes Mitglied potentieller Kunde – und besonders dienlich, wenn der große Durst aufkommt.

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