Am heutigen Dienstagvormittag wurde bekanntgegeben, dass Juergen Boos, langjähriger Direktor des Frankfurter Buchmesse, in diesem Jahr abgelöst wird – das vermeldete das Börsenblatt, das Fachmagazin der Buchbranche. Nachfolger von Jürgen Boos wird der noch amtierende Geschäftsführer des Carlsen Verlags Joachim Kaufmann.
Das Motto der Herbst-Messe 2025 war: „Die ganze Welt der Storys – live in Frankfurt“ – Bücher kamen hier gar nicht vor. „Stories“ standen im Mittelpunkt, die nicht nur gedruckt werden, sondern auch per E-Books, Podcast und TikTok-Videos unter die Leute kommen. Der Switch vom singulären Buch zum diversifizierten „Content“ zeigte die Wandlung der Branche im Allgemeinen, der Frankfurter Buchmesse im Besonderen – die sich in den letzten Jahren abwendete vom intellektuellen Branchentreff zugunsten einer Content-und Publikums-Veranstaltung.
Diese Veränderung maßgeblich vorangetrieben hat Direktor Juergen Boos, der im Oktober dieses Jahres in den Ruhestand geht – und das Zepter übergibt an Joachim Kaufmann, derzeit noch Geschäftsführer des Carlsen Verlags. Es ist eine Entscheidung, die auf Kontinuität setzt und den Wandel wohl weiter vorantreiben wird. Denn bereits Carlsen – Heimat von „Neinhorn“ und „Harry Potter“ – hat sich sehr früh neuen Strömungen geöffnet, als erfolgreicher Anbieter von leicht konsumierbaren, oft nur digital erhältlichen New Adult-Inhalten, beginnend bei der fulminant erfolgreichen „Twilight“-Saga, die seit 2006 im Hamburger Verlagshaus erscheint.
Kampf um Relevanz
So steht der designierte Buchmessen-Direktor Joachim Kaufmann inhaltlich auch für Titel, über die vor wenigen Jahren die Nase gerümpft wurde, also für: „The Wolf King“ oder „Darkhill Academy“ – die zwar literarisch belanglos sind, aber nicht nur die Buchhandels-, sondern eben auch die Messekassen klingeln lassen. Der 2026 scheidende Direktor Jürgen Boos hatte das Gesicht seiner Frankfurter Buchmesse auf nahezu allen Ebenen deutlich geändert, auch deshalb, weil die London Book Fair zur immer stärkeren Konkurrenz heranwuchs.
So kämpft die Messe schon lange um ihre Relevanz bei Verlagen, Agenturen, bei literarischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Bis zum Corona-Knick reisten mehr als 7.000 Aussteller an, seither sind es knapp über 4.000. Verlags-Promo ist inzwischen ein überwiegend digitales Geschäft, ebenso der Rechtehandel – für Agenten ist die Frankfurter Messe längst nicht mehr so bedeutsam wie vor zehn, fünfzehn Jahren.
Neue Wege gehen
Den notorisch klammen Verlagen sind viele Messe-Stände schlichtweg zu kostspielig. Schriftstellerinnen und Schriftsteller wiederum brauchen keine Aufritte am Messe-Stand, sondern gehen stattdessen lieber auf reine Lesefestivals: auch deshalb gibt es von der Stadt Frankfurt ein umfangreiches Rahmenprogramm, deshalb hat auch die Leipziger Messe den Fokus noch stärker aufs Publikum gelegt.
Der bald scheidende Direktor Juergen Boos und der neue Chef Joachim Kaufmann haben gemeinsame Wurzeln beim christlich-konservativen Herder-Verlag, einem Familienunternehmen mit Sitz in Freiburg. Es war für beide ein weiter Weg vom Breisgau in die große Welt. Er ist sowohl Boos als auch Kaufmann in den vergangenen zwanzig Jahren geglückt. China war bereits 2009 Gastland der Buchmesse – unter zahlreichen Protesten – China wurde aber auch wichtig für die Bonnier Gruppe, zu der Carlsen gehört. Neue Wege hat hier Joachim Kaufmann gebahnt.
Der neue Frankfurter Chef kann angesichts der vielzahligen Herausforderungen schonmal mit gymnastischen Übungen beginnen. Denn er muss einen Spagat hinlegen zwischen Literaturnische und Massenspektakel, zwischen Präsenz und Digitalraum, einen Spagat, gegen den Jean Claude van Dammes „Epic Split“ am Ende wie ein Warm up wirken könnte.
