Interview: “Er hätte genauso gut fifty-fifty untergehen können“

Eric Stehfest, Schauspieler bei der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, liegt derzeit mit seiner Drogenbeichte „9 Tage wach“ auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste. „Lass uns doch erst mal Freunde werden“, hat er zu seinem Co-Autor Michael J. Stephan gesagt. Das sind sie im Schreibprozess auch geworden, berichtet Stephan im Büchermarkt des Deutschlandfunks.

Wir sind auf der Suche nach dem avantgardistischen Potenzial der Wirklichkeit, denn es soll gehen um Eric Stehfest, einen Schauspieler bei der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, der – es überrascht alle – aktuell auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste im Sachbuch-Hardcoverbereich ist. „9 Tage wach“ heißt sein Buch, das er gemeinsam mit dem Berliner Autor und Fotografen Michael J. Stephan geschrieben hat. Für den „Büchermarkt“ spreche ich – auch wenn es die größere Huldigung des Boulevards wäre – nicht mit Eric Stehfest, sondern mit Michael Stephan, der mir bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2016 von dem Projekt erzählt hat. Und wir waren uns damals uneinig, ob das, woran er arbeitet, eher Fakt oder Fiktion ist. Das ist ein Thema, das uns in den kommenden Wochen immer wieder beschäftigen wird hier im „Büchermarkt“, dieser unmögliche Tausch der Wirklichkeit gegen ihre Erzählung. Herr Stephan, Sie sind zwar Autor, haben sich aber bislang hauptsächlich auf die Fotografie konzentriert. Sie arbeiten zusammen mit Ihrer Partnerin Susanne Schleyer, eine der bekanntesten Autorenfotografinnen des Landes. Aber wie und wann kamen Eric Stehfest und seine Geschichte, die nun unter dem Titel „9 Tage wach“ erschienen ist, zu Ihnen? Das war eine Begegnung voller Zufälle, bei einem Frühstück, und ich erfuhr von einem sehr sympathischen jungen Mann, dass er so genötigt wird, seine Biografie zu schreiben, nachdem er da so ein Coming-out hatte, was auch sehr über den Boulevard Deutschlands lief, dass er eine exzessive Drogenvergangenheit hat. Wir trafen uns im Sommer wieder, in Berlin, also so ein halbes Jahr später, und da hat er mir das noch mal erzählt. Da hab ich ihn gefragt, ob er wirklich Lust darauf hat, in der Ich-Form so beschimpft zu werden und ewig der Erzähler zu sein, der junge, nette Mann, der jetzt sagt, ich war mal bös und jetzt bin ich wieder lieb. Also es war eigentlich als Provokation gedacht. Und daraus kam dann so ein paar Treffen, und ich hab eine Agentin gefragt, ob sie das so vertreten würde, und dann haben wir das Ruder eigentlich rumgezogen zu einer Erzählform, die er ist, also er. Wir haben die Perspektive gewechselt, er hat selber über sich auch in der dritten Person geredet, hochinteressant, und einfach angefangen. Eigentlich haben wir einfach angefangen, das aufzuschreiben.

Eine Beichte über seine Crystal-Meth-Sucht unter anderem. Ja, unter anderem. Die Vorgeschichte war eigentlich viel spannender. Ich finde es hochinteressant, sich in ein Leben reinzusetzen. Die Erzählstruktur, das war alles offen, und wir haben uns einfach einen Verlag gesucht, der gesagt hat: Carte blanche. Das war wirklich die einzige Bedingung – nichts wegen Vorschüssen und all diesen Eckdaten, sondern einfach, welcher Verleger sagt, macht, wie ihr denkt. Und den fanden wir dann in Hamburg. Und als wir los legten, das fand ich auch unglaublich überraschend, als er sagte, lass uns doch erst mal Freunde werden. Und das ist während der Arbeit passiert. Es gab also nicht die Klammern, es gab die Historie, es gab diese Pervitin-Geschichte, dieses kennt man aber alles hinreichend, aber in seiner Familie ist das real alles da gewesen – so Urgroßväter, die begeisterte Flieger waren, eine seltsam kolportierte Familiengeschichte, auch so eine Fama, die immer an demselben Tag aufhört, zu Silvester, wo ein Kind überfahren wird. Ich hab das lange nicht verstanden, weil ja die Verdrängung in diesen Generationen auch da ist. Und wir haben uns ganz langsam da reingetastet, erzählt, aufgeschrieben, also wie man eigentlich ein Leben auch übernehmen könnte oder sich der Geschichte eines Lebens bemächtigt, wenn man als Zweiter, als Co da drinsitzt.

Eric Stehfest ist inzwischen clean, er nimmt kein Crystal Meth mehr nach eigener Aussage, er ist Vater eines Kindes, er ist auch verheiratet, heute feiert er seinen 28. Geburtstag. Welchen Weg ist er denn bis dorthin gegangen? Tja, ich hab jetzt ein Herrschaftswissen, ich könnte sein Leben aus dem Rückspiegel beschreiben. Und tatsächlich hat er als kleiner Stöpsel vorm Fernseher rumgehampelt, das ist nichts Besonderes, und tatsächlich hat er dann irgendwie mit zwölf oder so die Jugendbühne in Freital entdeckt. Und da gab es schon Texte, die in seinem realen Leben nicht vorkamen, das war wie so ein Halteseil, wie so ein doppelter Boden. Und das ist, glaube ich, die gute Fee gewesen. Und dann hat er sich vollkommen exzessiv fallen lassen, es gab auch wenige Gegenströmungen. Das Osterzgebirge … ich will nicht sagen, dass es Orte gibt, an denen man schneller und leichter zu Drogen findet, aber die Umstände sprachen alle dafür, dass es keinen Widerstand gibt, eher so rum. Es ist für mich bis heute eine Frage, obwohl wir so lange schon fertig sind und auch so einen Ton gefunden haben und das auch so überschaubar gestaltet haben, es ist für mich immer noch eine Frage, wo liegt eigentlich das unerhörte Glück des Eric Stehfest. Und eigentlich habe ich keine Antwort drauf, es sind mehrere Komponenten. Es war tatsächlich die Bühne, da hat er auch immer Glück gehabt, dass so Mentoren in seinem Leben waren, die so ein bisschen den Überblick behielten, aber er hätte genauso gut fifty-fifty untergehen können.

Er ist dann nicht komplett untergegangen, er ist jetzt da, er besucht Talkshows. Das Buch „9 Tage wach“, das jetzt auf Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste im Bereich Hardcover-Sachbuch ist, wird groß beachtet, hauptsächlich vom Boulevard, Social-Media-Kampagnen gab es auch. In dem Buch gibt es einen interessanten Satz: „Zwei geheime Leben wollten bedient sein – die Clubs und die Bühne. In den Clubs stellte niemand Fragen, im Theater schon.“ Wie kommen denn diese beiden Welten zusammen, und sind diese beiden Welten Ihrer Ansicht nach tatsächlich so unterschiedlich? Auf den Bühnen unserer Tage geht es ja schon lange so zu, zumindest oft so zu wie im Berliner Berghain. Das Interessante an diesem Bild ist, dass es von vornherein auf diese Duplizität ausfährt, und ich fand das auch nicht sehr unterschiedlich. Das eine ist die äußere Welt und das andere ist die dargestellte äußere Welt, natürlich mit anderen Texten als im Berghain. Für ihn war das eine Art Herausforderung, dass die Welten voneinander nichts wussten, auch wenn sie sich so ähnlich waren. Es ist eher diese Täuschung, die mit Drogen, offensichtlich mit Drogengeschichten. Und ich steck da nicht richtig drin, ich hab das tatsächlich als nüchterner Mensch erzählt. Also mir fehlt genau diese Erfahrung, die Eric Stehfest gemacht hat. Diese Überschneidung, dass sie sich ja in beiden Fällen, also selbst im Rausch, in einer Scheinwelt befinden und die Bühne nichts anderes ist, fand ich nur nicht witzig genug, um es so zu formulieren, weil es eigentlich für ihn ernst war. Es war totaler Ernst. Er musste sozial aufpassen, er musste seine Aufgaben erledigen, es durfte keiner mitkriegen. Und für diese zwei Zentimeter, die er sich dann größer fühlen durfte – auf der Bühne oder mit den Drogen – und diesem minimalen Gefühl, also dass er jetzt doch älter ist und überall reinkommt, dafür hat er diesen Preis bezahlt.

Nun kann man sich natürlich fragen, in welcher Weise jetzt ausgerechnet die Drogenbeichte eines Soap-Darstellers den „Büchermarkt“ im Deutschlandfunk interessiert. Dafür muss ich ein bisschen ausholen. Unter dem Titel „Mainstream: Wie funktioniert, was allen gefällt“ hat der französische Kulturwissenschaftler Frédéric Martel vor ein paar Jahren eine mehrhundertseitige Studie veröffentlicht, die danach fragt, wie auf der ganzen Welt Filme, Bücher, Musik konzipiert werden, die anschließend den Massengeschmack ausbilden. Ihr Buch „9 Tage wach“ ist überraschend unkonventionell gebaut, Sie schreiben keinen durchgehenden Erzähltext. Welcher narrativen Elemente haben Sie sich bedient und aus welchen Gründen, denn es gibt derer ja zahlreiche in diesem Buch? Der Strang über „er“, über Bande, war eigentlich eine Idee, wenn der Protagonist Eric Stehfest seine Biografie vorliest und er sagt nicht ich. Das ist ja auch eine Haltung, die er beim Schreiben annimmt. Dann hat er eigentlich die Möglichkeit, nicht so viel zu schwindeln – so jedenfalls sagt das Oscar Wilde, dass die Ich-Form eigentlich schon die größte Entfernung zur Persönlichkeit provoziert. Und das Zweite ist, dass wir uns überhaupt nicht an Stile gehalten haben. Es gab eine lustige Unterhaltung mit Eric Stehfest und mir, sehr am Anfang, da hatten wir uns ein paarmal getroffen, also so ganz sportlich. Es war schön, wir saßen im Caféhaus, haben uns so ein bisschen vorbereitet, und da hab ich ihn gefragt nach seinem Lieblingsautor, ob er den so ad hoc sagen kann. Und da sagt er Hunter S. Thompson. Und da war mir klar, dass wir ganz sicher eine Sprache finden irgendwo dazwischen, mit der wir umgehen können oder die wir so entwickeln vielleicht auch. Und genauso ist es auch passiert. Es war nicht ausgefeilt, wir haben immer nach Klammern gesucht. Wir haben viel eher nach Inhalten gesucht und die dann lapidar erzählt oder mehrfach überarbeitet. Also das ist wirklich eine lange Arbeit gewesen von vielen skizzenhaften Textversionen, bis das jetzt rausgekommen ist.

Dann wurde daraus ein Produkt. Das ist interessant, weil Edel das natürlich kann. Die kommen ursprünglich aus der Musik, und sie wissen, wie man ein Produkt platziert. Vermutlich ist auch der Protagonist Eric natürlich so ein Sympathikus, der Sympathieträger, der sowieso so vor der Kamera steht. Das macht es natürlich leicht, die Sympathien für seine Lebensbeichte, die ja … Ich meine, der wird heute 28. Diese Lebensbeichte ist ja mittendrin, er ist erst seit ein paar Jahren clean. Also das ist alles so eine Geschichte, die kann hoffnungsvoll weitergehen. Aber er ist natürlich ein unglaublicher Sympathieträger, und diese Welle muss der Verlag nicht finden, sondern da konnten sie sich mit draufbringen, und das haben sie auch sicher kalkuliert. Dass sie das genommen haben, ist mir eigentlich … Ich fand es einleuchtend, und irgendwie fand ich die Partnerschaft auch nicht verkehrt. Und mir war auch klar, was Eric als Person mitbringt. Das wussten wir beide von Anfang an, dass er eine große sympathische Welle bei sich hat.

Der amerikanische Autor David Shields sprach 2010 in seinem vielfach beachteten Manifest vom angeblichen Realitätshunger unserer Zeit, der – das klingt jetzt erst mal paradox – die wahre Wirklichkeit zu verdrängen scheint. Nur eine neue Form der Imagination könnte uns überhaupt retten. Doch was lesen wir seitdem? Wir lesen die Werke der New Sincerity, der neuen Ernsthaftigkeit – also erst David Foster Wallace, dann Karl Ove Knausgård. Wir lesen Benjamin von Stuckrad-Barres „Panikherz“ und die bipolare Beichte „Die Welt im Rücken“ von Thomas Melle. Nun „9 Tage wach“, auch ein Dokument, aber ebenso gut auch Literatur. Dass es als Sachbuch deklariert wird, scheint fast genauso Kontingent für die Einordnung von „Panikherz“ vor einem Jahr, denn, so meine Behauptung, es ist mehr Literatur als einfach nur das wahre Abschreiben der Welt, Herr Stephan. Also woher kommt diese geradezu manische Sehnsucht nach dem Wahren und scheinbar Faktischen bei den Literaturinteressierten, was glauben Sie? Es gibt die Möglichkeit, Leserbriefe zu lesen und sich nicht die Frage zu stellen, warum schreibt jemand einen Leserbrief. Entweder ist er vollkommen sauer oder er ist total begeistert. Und in dem Mittelfeld gibt es auch Leserbriefe. Also will man sie hören, will man diese Meinungen hören, oder stellt man sich, sagen wir, der richtigen Kritik. Ich hab nicht die leiseste Ahnung, ob das nicht auch nur eine gewollte Realität ist, also ob wir nicht die ganze Zeit in Maine bei diesem Lobster-Festival sitzen – um bei Foster Wallace zu bleiben – und diesen Tieren zuschauen, dem fühlenden Wesen, was einem anderen fühlenden Wesen zusehen will, wie es stirbt oder so. Die Literatur hat sich für mich in dem Sinne nicht erfüllt, weil es gibt eine Erzählform, eine erzählende Literatur, die immer Sprachfaszinationen hatte und die inhaltlich da war. Und ich kann diese Neugier, auf die ja auch der Boulevard aufsetzt, also die er ganz gewiss auch schürt, ich kann sie nicht verstehen für mich. Mir fehlt persönlich komplett der Zugang zu dieser vorgestellten, diesem Scheitern, diesen gewollten „battles“ (Kriege, engl., Anm. d. Red.) und wie auch immer sie heißen. Ich hab persönlich sehr schlechten Zugang dazu. Es amüsiert mich nicht. Ich halte mich für einen sehr schlechten Beobachter, was das betrifft.

Michael J. Stephan / Eric Stehfest: „9 Tage wach“, Edel Books Hamburg, 286 Seiten, 17,95 Euro. (Foto: Jelina Berzkalns / Susanne Schleyer Fotografie)

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