Indiskretion, Ehrensache

206 Männer in wenigen Jahren – das hat beinahe Don Juan-Qualitäten, was die zierliche Lesebühnenautorin Sarah Hakenberg angesammelt hat. In “Knut, Heinz, Schorsch und die anderen“ erzählt sie indiskret von ihren Lovern. 

“Nicht zwei, sondern acht Seelen“ wohnen in Sarah Hakenbergs Brust, sie kann im Stehen pinkeln und ganz wunderbar scheitern; denn wenn sie einen Lover aufreisst, entpuppt der sich schnell als King Kong, Verkehrskontrolleur (Strafzettel folgt) oder ziemlich unförmig: “,Außerdem‘, erklärt Bertram weiter, ,passen in einen Menschen mit vielen äußeren Werten auch viel mehr innere Werte hinein.“ Vergnügt plaudert die Lesebühnen erfahrene Nymphomanin von Knut, Heinz, Schorsch und weiteren 205 Exfreunden und Exliebhabern. Dabei begeistert Sarah mit scheinbar naiven Feststellungen wie: “Hartz IV ist scheiße und Hitler auch, aber der ist immerhin schon tot.“ Nicht unterschätzen – diese Frau ist gefährlich. “Ich habe einen roten Edding und schreibe damit ,Arsch‘ auf Erwins Stirn.“ Aua!

Solche Indiskretionen haben Tradition: “Ich liebe die hektischen, schlanken/ Narzissen mit blutrotem Mund;/ Ich liebe die Qualengedanken,/ Die Herzen zerstochen und wund;/ Ich liebe die Fahlen und Bleichen,/ Die Frauen mit müdem Gesicht,/ Aus welchen in flammenden Zeichen,/ Verzehrende Sinnenglut spricht“, dichtete der österreichische Dekadenzautor Felix Doermann vor fast 100 Jahren im ebenso erotischen wie augenzwinkernden Gedicht “Was ich liebe“. Er ist Sarahs Bruder im Geiste. Sie nimmt ebenso wenig ein Blatt vor den Mund: “Seelisch bereite ich mich schon einmal auf alles vor: Handschellen, Fesseln, Videokameras, Tierkostüme, Riesen-Gummipenisse zum Umbinden. Ich bin diesmal fest entschlossen, alles mitzumachen und dabei keinen Lachkrampf zu bekommen.“

Den soll aber das Publikum überfallen: “Ich mache keine Literatur. Das ist eigentlich ein Fake. Denn eine Autorin ist etwas viel Tolleres als ich. Ich bin als Bühnenkünstlerin viel niederer. Ich habe alle Geschichten nur geschrieben, um sie dann auf der Bühne vorzulesen.“ Das sagt Sarah, selbstverständlich ironisch, denn Unterhaltung und Literatur schließen sich nicht grundlegend aus. Bei ihr kommt noch der Schlüsselloch-Faktor hinzu: “Natürlich ist alles hundert Prozent autobiographisch. Ich toppe da noch Charlotte Roche, die ja gesagt hat, dass an Feuchtgebiete siebzig bis achtzig Prozent wahr sind. Bei mir sind es hundert Prozent.“

Doch wenn man sie dann auf die Angeber-Liebhaberliste, die hinten im Buch abgedruckt ist, anspricht und fragt, ob zum Beispiel “Nummer 176: Ferdinand (Jurist)“ etwas mit dem Star-Autor und -Strafverteidiger Ferdinand von Schirach gemeinsam habe, lacht Sarah nur und protestiert: “Kein Kommentar!“ Da will man nicht weiterfragen, wie sie schon bei Nummer 19 an “Manni, Deutschlehrer“ gekommen ist, später über “Tom, Uruloge“ und “Alex, Stuntman“ zu Seemann Ernst und “Habakuk, Prophet“. Aufregendes Leben, oder?Wie ist das lilafarbene, mit gesichtslosen Männern bedruckte Buch von Sarah denn nun einzuordnen?

“Knut, Heinz, Schorsch und die anderen“ hat viel gemeinsam mit Lesebühnen wie der “Chaussee der Enthusiasten“ (Berlin), den Dresdnern um Michael Bittner, die gerade mit “Sax Royal“ begeistern. Die feministische Boshaftigkeit, immer mit souveränem Augenzwinkern, haben Comedyfrauen wie Anke Engelke hoffähig gemacht. Es sind “Ladykracher“-Geschichten, die in unsere aktuelle Datingportal-Zeit passen und nur an einer Stelle etwas vollkommen Falsches suggerieren. Es geht zwar um Ex-Männer. Aber die charmante Sarah Hakenberg ist vergeben und hat einen Freund. Verdammt.

Sarah Hakenberg: „Knut, Heinz, Schorsch und die anderen – Live-Lesung“, Eichborn Lido, 1 CD, 87 Min. + als Buch, 142 Seiten, 12,95 Euro

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