Else im Luna(r)park

Als “ Ein Liebesroman mit Bildern und wirklich lebenden Menschen“, kündigt Else Lasker-Schüler im Herbst 1912 ihre Briefsammlung aus Norwegen unter dem schwärmerischen Titel „Mein Herz“ an. Monatelang schreibt sie ihrem Ehemann Herwarth Walden, der mit einem Bekannten nach Skandinavien aufgebrochen ist. Sie schreibt, selbst nachdem die beiden zurückgekehrt sind, sie schreibt, bis dieser wunderbare Roman beendet ist. Auf dem Cover bläst die orientalisch verkleidete „Else“ eine Flöte, inszeniert sich als moderner Rattenfänger und mythischer 1001-Nacht-Erzähler, als etwas Größeres. Es ist diese Mischung aus Schalk und Hybris, die „Mein Herz“ großartig werden lässt.

Else Lasker-Schüler wäre brennend gern ein Star gewesen verliebt, geliebt, voller Liebe, wie ihr Briefroman „Mein Herz“, den sie in der ersten Auflage dem Wiener Architekten Adolf Loos „in Verehrung“ widmen wird, ab der zweiten jedoch ganz kokett „Niemandem“, was bei ihr selbstverständlich „Alle“ heißen muss, denn sie phantasiert immer wieder in den Briefen von bald eintretenden, umwerfenden Erfolgen, von Applaus und durchschlagenden Ideen.

Lasker-Schülers fiktiver Liebesroman mit Bildern (von ihr gezeichnet) und wirklich lebenden Menschen (von ihr beobachtet und neu erschaffen) ist ein großes Versprechen und wenn Schriftstellerinnen Versprechungen machen, sollte Vorsicht geboten sein. Für die 1869 in Elberfeld geborene „Else“ gilt das in besonderem Maß, hat sie die große Lüge doch Zeit ihres Lebens legitimiert – Selbstbetrug inbegriffen. Was nicht gefällt, das wird umgedichtet. Ihr Ehemann, der Komponist und Schriftsteller Georg Levin, wird zu Herwarth Walden. Sich selbst inszeniert Lasker-Schüler in „Mein Herz“ mal als Prinz Jussuf von Theben, dann als Elberfelder Platt donnernde Amanda Wallbrecker, die ihrem Kumpel Pitter in die Heimat vom Armutleben schreibt: „On freten kann eck ock nich mähr, on eck berg ömmer minne Liebesschmerzen em Herzen en ming kariertes Koppkissen.“

Ständig klamm, ohne ausreichend Geld in der Tasche, schlängelt sich die immerträumende, gewaltige Pläne schmiedende Dichterin durchs Leben und schreibt darüber, als Boheme-Tagebuch aus Berlin, wie so viele Prenzlauer-Berg-Pop-Spex-Schriftsteller der vergangenen Jahre. Dieses Leben gelingt ihr dabei, wie den zeitgenössischen Helden heutzutage, mehr schlecht als recht, was allein für ihren Briefroman ein Segen sein wird, denn er ist aus dem Chaos geboren, als tanzender Stern. Es macht Spaß, ihr beim inszenierten Leid zuzusehen, wie sie sich durchschnorrt, Schnitzel und Eis anschreiben lässt, im Lunapark flaniert mit einer „Düde Bonbons“, wie sie dem traurigen Alltag alle Schönheit und Hitze abzutrotzen vermag. Den Lesers kann gleichgültig sein, dass alles ein großer Selbstbetrug ist.

Die Ehe mit Levin/Walden wird im November 1912 nach Erscheinen des Romans geschieden. Während seiner Entstehung kriselt es bereits enorm, was man den Briefen ansieht: Der Gatte nimmt dankbar eine Reiseeinladung nach Norwegen an. Er begleitet den Rechtsanwalt Kurt Neimann durch Skandinavien, fernab der in Berlin weilenden Dame, wahrscheinlich um Abstand zu gewinnen. Else plaudert währenddessen im herzergießenden Ton von ihren (angeblichen) Flirts und Feten im Berliner Café des Westens, sehnt ihre reisenden „Jungens“ herbei, erzählt von Königen, Bischöfen, Slawen, die allesamt Pseudonyme bekannter Szenehelden sind: Der Schriftsteller Karl Kraus, Maler William Wauer oder auch der bewunderte Philosoph Erwin Loewensohn.

„Mein Herz“ ist ein großer Liebesroman, in dem beinahe jede Person, Situation, in der nahezu jeder Gegenstand romantisiert, idealisiert, schöngelogen wird. „Mein Herz“ ist das Meisterstück einer Autorin, die stets den Himmel ersehnte (ein Brief heißt sogar explizit „Vom Himmel“), ihn aber niemals erleben durfte. Else Lasker-Schüler starb verarmt und vergessen am … im israelischen Exil. Ihr Herz gehörte zum Schluss tatsächlich „Niemandem“.

Else Lasker-Schüler: „Mein Herz“ , herausgegeben von Ricarda Dick, Jüdischer Verlag, 220 S., 17,90 Euro

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