Die erfolgreiche Kinderbuchautorin Dita Zipfel („Monsta“) veröffentlicht ihr belletristisches Debüt. „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ bringt zwei nur vordergründig ungleiche Paare zur strahlenden Côte d’Azur. Der Insel-Verlag bewirbt den Roman mit dem leicht süßlichen Satz: „Über die explosive Kraft zweier Frauen, die sich verbünden“. Kann man sich als Leser aber auch mit der Geschichte selbst verbinden?
„Jetzt sei mal nicht so hysterisch“, möchte man Linn zurufen, wenn der Satz nicht längst ein Gschmäckle hätte und eh klar wäre, dass die 37-jährige Künstlerin dann erst recht ausrasten würde. Linn ist die heimliche Hauptfigur in Dita Zipfels Debütroman „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“ – in dem sich ein Drama unter tatsächlich gleißender Sonne entfaltet – und die Mittdreißigerin ausreichend Anlässe findet, um ihrer histrionischen Persönlichkeit freien Lauf zu lassen.
Linn und ihr schluffiger Partner Matze, ein Berufsschullehrer, werden von einem befreundeten Ehepaar zum Urlaub an die Côte d’Azur eingeladen. Die etwas jüngere Eva und ihr glücklicher Gatte Felix sind der wohlhabende, deutlich erfolgreichere Gegenentwurf zum Leben des Künstlerpaars. Felix hat gerade sein Start-up verkauft, schwimmt in Geld, und will nun auch an der Südküste Frankreichs schwimmen – muss aber bei der Ankunft feststellen, dass der annoncierte Pool ihrer so sorgfältig ausgesuchten Ferienvilla leer zurückgelassen wurde: „‚Wenn da einfach Pool stand, dann geht man davon aus, dass der benutzbar ist, oder? Also ich würde davon ausgehen.‘“
Ich dreh hier durch
Felix ist es gewohnt, dass seine bourgeoisen Wünsche jederzeit erfüllt werden. Er ist ein moderner Typus unserer Zeit, in der Sofortkredite und Klarna-Offerten, 24-Stunden-Lieferdienste und Datingapps auf die Dauerausschüttung unserer Dopamin-Reservoirs zielen. Doch wenn der Regen ausbleibt, ist die Poolbewässerung an der Côte d’Azur von Amts wegen untersagt, da hilft kein Wehklagen. Es ist mitnichten der einzige Wunsch, der während dieses Urlaubs unerfüllt bleibt.
Denn Linn und Matze werden ebenfalls von einem schwer einlösbaren Willen getrieben. Während ihre reichen Freunde mit dem vierjährigen Otto, einem kleinen Baby und dem langsam wachsenden Embryo in Evas Bauch anreisen, hofft das glücklose Paar auf eine endlich gelingende In-vitro-Fertilisation: Ein Zustand, der Linn in schönstem Ambiente an den Rand des Nervenzusammenbruchs treibt: „Ich dreh hier durch. Das Baby schreit die ganze Zeit und was soll der Scheiß mit der Wiege und guck dir mal die Einrichtung an!“
Bei ihr wirkt Arnika
Die Federwiege des Babys lässt sich nirgendwo anbringen. Es hapert also an allen Enden. Anlässe, um auszurasten, gibt es zu Genüge. Linn wird einen übergriffigen Mann im Supermarkt niederstrecken, Eva im Sternerestaurant klauen, Felix irgendwann mit einem Baseballschläger durch die Nachbarschaft ziehen – und Matze, der Berufsschullehrer? Der wird sich als einzig Souveräner in dieser obskuren Partie erweisen. Dieser Debütroman lebt von schnellen Dialogen und harten Szenenschnitten, von permanenten Plot Points, wechselnden Allianzen und filmischen Plateaumomenten, die rasch ins Chaos kippen.
„‚Ich habe beschlossen: Wir werden diesen Urlaub ohne Federwiege überleben‘’ Eva kommt dazu, Baby über der Schulter, als wäre es ein Teil von ihr. Ein weiterer Arm, nicht weiter der Rede wert. War immer schon da. Alles an ihr ist von irritierender Natürlichkeit. Jedes Mal wenn sie in den Raum kommt, ist es, als würde ein Wind sie tragen. Als würde sie geweht, wohin sie will. Kurz vor fliegen. Bei einer wie ihr wirkt Arnika.“
Mit Hüftschwung
Das kommt daher wie ein Poolroman, ein Sommerferien-Pageturner, wie ein Neunziger-Jahre-Film im Stile von Marc Rothemunds „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Großstädter zur Paarungszeit“. Dita Zipfel hat ein berückendes Gespür für Screwball-Comedy-Timing, für Mittdreißiger-Idiosynkrasien und den zivilisatorischen, absolut brüchigen Firnis unserer gegenwärtigen Lebensentwürfe.
Sie switcht behände zwischen In-Vitro Fachsprache – von intracytoplasmatischer Spermieninjektion bis zu Abbreviationen wie KiWuGyn – und Doris-Dörrie-Dialogen, zwischen leider wahren Männerklischees und Ehe-Standardszenen. Kein perfektes Buch, keine Highbrow-Epiphanie – geschenkt: aber eine Lektüre zwischen Mumfluencer-Content, Ferienerlebnis und zerrissener Wunschklinik-Broschüre, die mit Hüftschwung ins aktuelle Frühjahrsprogramm prescht.
Dita Zipfel: „Es ist hell und draußen dreht sich die Welt“, Insel Verlag, Berlin, 220 Seiten, 23 Euro
