Es ist schwer, bei der gegenwärtigen Lage Humor zu bewahren – doch zum Glück gibt es weiterhin das Comic-Duo Hauck & Bauer, die gerade ein weiteres Buch veröffentlicht haben. Außerdem in den Bilderbüchern dieses Monats: ein bester Freund, die Heldenreise eines kleinen Demokraten und: ein Pokal für den Schakal
Als Ferdinand von Schirach ein kleiner Junge war, bemalte sein Vater die Wände des Kinderzimmers mit einem Dschungel. In der Vorstellung des Kindes verwandelte sich der ebenfalls dort abgebildete Elefant nachts in ein echtes Rüsseltier. So steht es auf der letzten Doppelseite des „Alexander“-Romans, neben einer Fotografie des adoleszenten Autors, der damit sein Kinderbuchdebüt ähnlich beendet wie 2009 seinen Story-Erstling „Verbrechen“. Dort zitierte er auf der letzten Seite René Magrittes berühmt gewordenes „Ceci n’est pas une pipe“, also: „Dies ist keine Pfeife“-Paradox, und markierte so das komplizierte Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit. In einer ähnlichen Bewegung verwandelt sein aktuelles Buch etwas Phantastisches, Gemaltes und dennoch real Vorhandenes in Literatur, mit diesem spiegelbildlichen Absatz eröffnend: „Als Alexander noch ein kleiner Junge war, malte sein Vater auf alle Wände in seinem Zimmer einen Dschungel. Er malte Bäume, die große grüne Blätter hatten, und er malte Tiger, Löwen, Schlangen, Affen und einen riesigen Elefanten. Dieser Elefant hatte lustige Augenbrauen und liebevolle Augen. Er stand jede Nacht an Alexanders Bett und wachte über seinen Schlaf.“

Ins liebliche Bild dringt nun das Unglück – wie in vielen Heldenromanen. Der Junge lebt im Phantasieort Kaliste, das äußerlich keine Ähnlichkeit hat mit jenem slowakischen Dorf, das die Nazis gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zerstört haben, ganz im Gegenteil. Doch auch in Kaliste bricht Krieg aus. Der tyrannische König greift seine Nachbarn an. Alexanders Vater wird auf dem Schlachtfeld getötet, Kaliste großflächig verwüstet, später der kriegslüsterne König gestürzt. Alexander fällt in eine Melancholie, was zum Ton zahlreicher Schirach-Geschichten passt, noch mehr zum Schriftsteller selbst, dessen Blick seit jeher eine Wehmut in sich trägt. In Kaliste beratschlagen die Überlebenden, wie ein neuer Tyrann verhindert werden kann. Sie planen eine Verfassung, die allerdings von einem Menschen ersonnen werden soll, „der klug ist, aber nichts weiß“. Ihre Wahl fällt auf den stillen Alexander, der so oft am Hafen sitzt und angelt – allerdings ohne Haken: „’Ich möchte für mich sein. Weit draußen auf der Kaimauer und aufs Meer schauen’, sagte Alexander leise, ‚ich nehme die Angel meines Vaters mit und werfe die Schnur ins Wasser, damit ich nicht dauernd gefragt werde, was ich dort tue. Dafür müssen keine Fische sterben.’ Und dann fügte er hinzu: ‚Es gab hier doch schon genug Tote.’“ Dieser sanfte Junge soll in die weite Welt hinausziehen, um mit gerechten Gesetzen zurückzukehren. Er hat lediglich sieben Tage, denn die Einwohner Kalistes müssen rasch beweisen, dass sie ungefährlich sind. Ansonsten droht neuer Krieg. So reist Alexander unter großem Druck ganz allein.

Er macht auf seiner Reise wunderliche Begegnungen; trifft das Orakel von Delphi und Diogenes in seiner Tonne, einen eingebildeten Modeschöpfer, zwei Verschwörungstheoretiker und einen unschwer als Donald Trump identifizierbaren Tyrannen mit kleinen Händen, der in einer Badewanne sitzt. „’Jetzt muss er dort den ganzen Tag Schaum schlagen.’ ‚Warum?’, fragte Alexander. ‚Damit man nicht sieht, dass er nackig ist.“ Aus jeder Begegnung nimmt Alexander eine Weisheit mit, ein Gesetz für eine gerechte Gesellschaft: dass meine Freiheit die Freiheit aller Menschen sein sollte, dass jeder Jeck anders sein darf und dass Mitmenschlichkeit eine schützenswerte Tugend ist. Es sind Beispiele für Demokratietheorie und Menschenrechte, für Prinzipien von Völkerbünden und Toleranz – oft verpackt in kindliche Gedankenspiele. Alexander muss Rätselgeschichten lösen, oder Dilemmata reflektieren wie jenes über einen Wagenunfall mit 15 Toten, der hätte verhindert werden können. “Du siehst den schweren Wagen die steile Gasse herunterrasen und erkennst, was passieren wird. Auf dem Dachrand sitzt ein sehr dicker Mann und sonnt sich. Wenn du diesem Mann nur einen kleinen Schubs gibst, fällt er runter auf die Pflastersteine und blockiert die Gasse.“

Statt 15 Menschen würde nur einer sterben. Es ist ein moralphilosophisches Gedankenexperiment, das typisch ist für Ferdinand von Schirach. Im Jahr 2015 etwa erschien sein auch im Fernsehen aufgeführtes Theaterstück „Terror“ mit ähnlichem Inhalt. Das Grundgesetz ist in dieser Hinsicht klar: Kein Subjekt darf zum Objekt staatlichen Handelns werden. Berückend ist, dass der Schriftsteller mit seinem „Alexander“-Roman nun einen kindlichen Einstieg in sein literarisches Werk ersonnen hat, mit eigens gestalteten, mehrfarbigen Zeichnungen, die ein wenig an Walter Triers „Emil und die Detektive“, noch mehr an Antoine de Saint-Exupéry „Der kleine Prinz“ erinnern. Es ist ein wenig unheimlich, dass der 61-jährige Jurist und Bestsellerautor selbst auf diesem neuen Feld den Ton richtig trifft. Unweigerlich stellt man sich vor, wie ein Schirach-Pappbilderbuch aussehen könnte oder ein New-Romance-Schirach, bis alle Medienalter und –formen bedient sind. Die gezeichneten Dackel sind allerliebst, die Trump-Locke überm Badewannenschaum ein schöner Einfall – nur der Elefant, der hätte Ferdinand von Schirach besser gelingen können. Ferdinand von Schirach: „Alexander“, Penguin, München, 160 Seiten, 18 Euro, ab zehn Jahre / das Hörbuch, gelesen vom Autor, Der Hörverlag, München, 2:20 Std, 15,85 Euro

Das F.A.Z.-Feuilleton leugnet nicht einmal, dass es von der esoterischen Donaldisten-Sekte unterwandert ist (nein, es geht hier ausnahmsweise nicht um den Trump-Donald). Seit Harald Schmidt vor über zwanzig Jahren die Erika-Fuchs-Anspielungen in den Frankfurter Kulturüberschriften feierte (die dann abgelöst wurden von fettgedruckten „Die Ärzte“-Lyrics) bekennen sich einige der klügsten Köpfe unseres Landes – erwachsene Menschen! – zu Walt Disney’s beliebtestem Printprodukt: vom stellvertretenden Feuilletonchef Patrick Bahners über Literaturchef Andreas Platthaus bis zu den Karikaturenstars (Elias) Hauck & (Dominik) Bauer, die jetzt ihr eigenes (Lustiges) Taschenbuch vorlegen, und mal wieder zeigen: Sie sind die einzig würdigen Nachfolger Loriots, der einst wie kein Zweiter die skurrilen Seiten der deutschen Wirtschaftswundergesellschaft aufs Korn genommen hat. Unsere ganz aktuelle deutsche Gegenwart erfassen hingegen am besten diese beiden 1978 geborenen Jungs. Sie selbst bekennen: „Hauk & Bauer sind sehr bescheiden geblieben, obwohl sie schon viele Preise gewonnen haben, z.B. den Sondermann-Preis für Komische Kunst 2020 oder den Deutschen Karikaturenpreis in Gold 2024. Ihr Lieblingsessen sind Bœuf Bourguignon und Heringssalat mit Pellkartoffeln.“ Man möchte einen Kaufbefehl aussprechen – 1 Euro selbst für Donald machbar. PS: Gustav Seibt hat darauf aufmerksam gemacht, dass er und Patrick Bahners bereits 1989 mit den donaldistischen Überschriften angefangen haben: „lange Zeit unter dem Radar der Kollegen. Der erste, dem etwas auffiel, war Joachim Fest.“ Elias Hauck, Dominik Bauer: „Das Hauck & Bauer Taschenbuch: Dafür haben sie Geld“, Kunstmann, 258 Seiten, 14 Euro

500.000 Kinder, Lehrer und Bibliothekare bilden die Jury der „Children’s Book Council FAVORITE“, die 2025 Jule Wellerdieks “Fundbüro Wurm” auszeichnete. Wer so prämiert ist, kommt möglicherweise ins Grübeln. So erscheint nun „Ein Pokal für den Schakal“, ein Tier vorstellend, das relativ selten in Kinderbüchern auftaucht. Alles beginnt mit einem Frisurenwettbewerb, für den sich Schakal stundenlang vorbereitet hat – um dann zu erleben, dass ausgerechnet die „doofe“ Gans den Preis entgegennimmt. Narzisstisch gekränkt richtet das Tier einen eigenen Wettbewerb aus für: „den besten Schakal“. Da seine Art selten ist, gewinnt der Schakal die selbst ausgelobte Prmäierung. „Doch am nächsten Tag passiert etwas, womit der Schakal niemals gerechnet hätte. Wieder gibt es eine große Versammlung, denn nun hat auch die Giraffe angekündigt, einen Preis zu verleihen. Es ist eine wunderschöne, vollkommene Medaille. Und wenn der Schakal ehrlich ist, gefällt sie ihm sogar noch besser als sein Pokal.“ Die Giraffe wiederum zeichnet sich selbst aus für: „den längsten Hals.“ Der Brüllaffe verleiht sich einen Preis „für die lauteste Stimme“, der Elefant „für den längsten Rüssel“ usw. usf. Eine Satire, glänzend wie der schönste Pokal, über unsere wettbewerbsvermeidende Gegenwart lächelnd, die selbst die (nun tatsächlich nervigen) Bundesjugendspiele ablehnt. Ein Denkmal für dieses Buch! Jule Wellerdiek: „Ein Pokal für den Schakal“, Nord Süd, 32 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

“Theo wusste es genau: Er wollte ein Haustier. Alle seine Freunde hatten eines. Aber Theo wollte ein ganz besonderes Haustier. Ein Tier, über das alle staunen würden.“ Die Illustratorin Aline Portman bringt in unserer Zeit der Likes und Favs „zwei ganz besondere Freunde“ zusammen, denn hier möchten beide Seiten bewundert werden. Georg Francks „Ökonomie der Aufmerksamkeit“ ist bekanntlich wahrgeworden, gilt heute noch mehr als im Jahr der Veröffentlichung 1998. Schon die Kleinsten wollen Eindruck schinden, vermutlich ebenfalls mehr als dereinst. Theo wünscht sich entweder: einen Wal, einen Bären oder einen Löwen. „Er würde immer über Theo wachen. Aber ein Löwe ist auch besonders gefährlich. Was, wenn mal kein Essen mehr im Haus wäre?“ Es wird dann ein ganz anderes Tier werden, das sich ein ganz besonderes Herrchen wünscht. „Ein Wikinger ist mutig und stark“, möglicherweise „eine Königin mit einem großen Palast.“ Vielleicht erfahren beide auch diese: dass ein Leben auf der mittleren Ebene stattfinden kann, das sich dennoch außergewöhnlich anfühlt. Dieses Buch ist quasi das kindliche Gegenstück zu Thomas Melles „Die Welt im Rücken“. Aline Portman: „Zwei ganz besondere Freunde“, aus dem Niederländischen von Eva Schweikart, Mixtvision, 48 Seiten, 18 Euro ab 4 Jahre
