Passend zur Winterdepression heitert uns ein sehr freundliches Nilpferd auf – während ausgerechnet die Amsel stirbt, im Dinomuseum eine kolossale Katastrophe geschieht und ein Popofisch auf Wanderung geht. Dafür mit dem letzten von 5 Büchern dieses Monats: High Five!
In seinem beeindruckenden Vortrag „Wenn die Lösung das Problem ist“, erläutert der Schweizer Philosoph und Psychoanalytiker Paul Watzlawick (1921-2007), weshalb Depressiven nur umso tiefer ins Loch fallen, sobald sie aufs strahlende Sommerwetter hingewiesen werden. Der andere mag sie aufheitern wollen, aber ein melancholisch Erkrankter wird sich nun vorwerfen, dass es ihm nicht einmal am wunderbarsten Tag gelingt, fröhlich zu sein. Im Bilderbuch „Hör mal, Hippo!“ des australischen Illustrators Gabriel Evans ist der kleine Billy „schon den ganzen Tag traurig. Es war so ein Tag, an dem ihm ein bedrückender Gedanke nach dem anderen durch den Kopf ging.“ Es kommt allerdings kein schwarzer Hund, wie in vielen Depressionsgeschichten, sondern stattdessen ein weißes Nilpferd, das sagt: „Als dein bester Freund weiß ich natürlich genau, was du brauchst“. So startet Hippo seine Aufmunterungsaktionen.

Doch Billy möchte sich nicht verkleiden, auf keinem Piratenschiff sitzen, keine Sandburgen bauen, keine Party schmeißen. Billy möchte, dass Hippo ihm zuhört, bis der Freund die flauschigste Kuscheldecke holt, Kakao mit Marshmallows kocht und sich zum Freund aufs Sofa setzt, um zuzuhören: „Billy erzählte von Traurigkeit, die einfach nicht von ihm abfallen wollte, wie Herbstlaub, das noch im Winter an den Bäumen hängt. Von Gefühlen, die in die Tiefe rauschen wie ein kleines Boot auf einem Wasserfall. Billy erzählte von der dunklen Nacht, die tief in seinem Baum saß.“ Gabriel Evans illustriert diese Verlorenheit, das Gedankenkreisen, die Unruhe des kleinen Jungen in schlichten, unaufgeregten Buntstiftzeichnungen, vor allem über die Perspektiven, und: „Billy redete und redete, bis er schließlich alles erzählt hatte, was ihn bedrückte. Nun fühlte er sich ein bisschen besser. Die Traurigkeit war noch da, aber jetzt gerade war sie nur noch ein schwacher Schatten. Dann drückte Hippo Billy ganz fest. Das war genau das, was Billy sich wünschte.“ Gabriel Evans: „Hör mal, Hippo!“, aus dem Englischen von Corsula Setsman, Mixtvision, 32 Seiten, ab 4 Jahre

„Es heißt ja, richtig große Katastrophen passieren völlig unerwartet. Und leider ist es wirklich genau so. Eine Katastrophe kann genau jetzt passieren an einem sehr gewöhnlichen Donnerstagnachmittag, kurz vor Feierabend, im Dinomuseum.“ Hier ist sie wieder, die Lieblings-Füllvokabel unserer Gegenwart: „genau“. Sie wird inflationär in einer Zeit verwendet, die sich zwar nach dem Exakten sehnt, doch bestimmt ist durchs Ungefähre, Nicht-Sichere, durch die Unschärfe: und durch kolossale Katastrophen. Hannah Brückner („Wir Kinder im Zug“, „Ich wäre gern ein Baum“) erzählt in pastellfarbenen Tönen von Juri, der im Naturkundemuseum aus Versehen ein riesiges Dinosaurierskelett umschmeißt. Das ist für ihn beschämend. Allerdings: in diesem stärkenden Buch wird das peinliche Missgeschick konstruktiv bereinigt. „Kolossale Katastrophe“ ist eine gelungene Kinderparabel: „Wenn du aus einem üblen Schlamassel herauskommen willst, kannst du immer um Hilfe bitten. Die anderen wissen vielleicht auch nicht genau, was zu tun ist, aber zusammen fühlt es sich besser an, so ratlos zu sein.“ Hannah Brückner: „Kolossale Katastrophe“, NordSüd, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Erst vor wenigen Wochen wurden nach Ausbruch der Vogelgrippe unvorstellbare 1,7 Millionen Tiere aus Seuchenschutzgründen „gekeult“ – so heißt der Fachterminus. Makaber erscheint, dass nach Tiny Fisschers und Herma Starrevelds „Vogel ist tot“ nun Olivier Tallecs „Ist Amsel tot?“ auf dem Bilderbuchmarkt erscheint. Es ist ein Wiedersehen mit Pilz Pok, Feldmaus Günther und dem namenlosen Eichhörnchen aus Tallecs „Mein bester Freund“ von 2024. Sie finden ihren Lieblingsvogel auf dem Rücken liegend. „Ganz bestimmt schlief er. Darum haben wir uns still hingesetzt und gewartet, dass er aufwacht. (…) Vielleicht sollten wir ein bisschen Krach machen, um ihn zu wecken?“ Die fünf Sterbe-/Trauerphasen von Elisabeth Kübler-Ross tauchen hier allerdings nicht in Reinform auf (es sind, zur Erinnerung: Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz). Eichhörnchen und Pilz Pok versuchen, Amsel aufzuwecken: „Günther hatte eine Idee, er schlug vor, den Vogel in die Luft zu werfen, damit er wieder losfliegt.“ Im Humor liegt die große Stärke dieses Buchs. Vorschulkinder werden in ihrer Trauer lachen, durch einen sanften Strudel der Empfindungen begleitet, und mit einer Hoffnung entlassen: „Heute Morgen sind Pok und ich zur Amselwiese gegangen. Sie war immer noch genauso gelb und ein anderer Vogel hat dort sein Lied gesungen.“ Olivier Tallec: „Ist Amsel tot?“, aus dem Französischen von Ina Kronenberger, Gerstenberg, 40 Seiten, 15 Euro, ab 5 Jahre

Unvergessen bleibt die Filmszene, in der kleine Minions ihren Hintern fotokopieren, nach jedem neuen Abzug lauthals lachen und „Popo!“ rufen. Doch wie fühlt man sich als echtes Arschgesicht? „Der Popofisch sieht aus wie ein Popo. Alle sagen ihm das.“ Wenn er nur wüsste, dass er in einem Bilderbuch gefangen ist und mit Marcus Pfisters „Der Regenbogenfisch“ konkurriert – dieser Popofisch würde eventuell depressiv werden. Aber so weit kommt es nicht. Weil dieser drollige Kamerad mit seinem Mund pupst, lachen die anderen Fische nicht über, sondern mit dem ihrem rosafarbenen Kumpel. „Aber nach einer Weile will der Popofisch nicht mehr lustig sein. Er will so sein wie alle anderen!“ (Man kann es als Seitenhieb auf die Normcore-Trends der 2010er-Jahre lesen) Pauline Pinsons Popofisch sucht ein neues Habitat und trifft auf allerlei Artgenossen, die noch witziger als er aussehen: auf einen Katzen-, einen Pilot-, einen Säge- und auf Käsefisch Jürgen, mit dem sich der Popofisch endlich anfreundet: „Es ist bestimmt nicht einfach, wie ein Käse auszuschauen, denkt sich der Popofisch (der eigentlich Maximilian heißt).“ Keineswegs das erste (siehe oben: „Der Regenbogenfisch“, auch „Flunkerfisch“ oder Michael Stavaric’ / Michèle Gansers „Faszination Haie“), aber doch eines der besseren Bilderbücher über ein kurioses Kiementier. Pauline Pinson (Text), Magali Le Huche (Illustration): „Popofisch“, aus dem Französischen von Marie Gamillscheg, Leykam, 32 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Dieses Buch kommt passend zur Handball-Europameisterschaft – die am morgigen Sonntag mit dem Finale Deutschland vs. Dänemark ihren Abschluss finden wird. Weil Kinder alles mit ihren Händchen betatschen, Fingerfarbe ein Kita-Klassiker bleibt, weil das Handwerk wieder goldenen Boden hat, aber auch weil greifen und begreifen zusammengehören, ist dieses Pappbilderbuch ein staunenswerter Erstlese-Anlass: „Leg Deine Hand auf diese Seite. Ja, das ist deine Hand, aber es ist auch … ein lustiges Huhn!“ Auf einer Handvoll Doppelseiten sind fünf Finger Mittelpunkt einfacher Illustrationen, in denen die Hand zum Tintenfisch wird, zum Löwen und Flamingo. Schöne Inspiration für viele weitere, selbstgerdachte Handreichungen. Darauf ein High Five! Christine Naumann-Villemin (Text), Géraldine Cosneau (Illustration): „Deine Hand ist eine Sonne“, aus dem Französischen von Saskia Heintz, Hanser, 18 Seiten, 12 Euro, ab 2 Jahre
