Im Karnevalsmonat Februar möchte eine frustrierte Hexe aus dem Zombie-Freundeskreis ausbrechen. Ein kleiner Junge sucht seine Katze Georg. Ein seltsames Tier beunruhigt in „Obacht!“ eine Zwergengemeinschaft – und zwei Spanier betrachten den Tod als etwas Wundersames.
„Alles im Universum unterliegt dem Wandel. Es gibt nur eine Ausnahme: Auf das Leben folgt immer der Tod“, schrieb der chinesische Dichter Han-Shan vermutlich im 7./8. Jahrhundert. Diese Satz ist einem der letzten Leykam-Bilderbücher vorangestellt. Durch ein Posting des österreichischen Schriftstellers Michael Stavaric wurde vorgestern bekannt, dass der Graz-Wiener Verlag seine Publikumssparte aufgeben wird – und damit auch seine Kinderbücher. „Das wundersame Buch über den Tod“ stellt nun die Sterblichkeit an sich ins Zentrum. Es ist also keine Trostlektüre wie Wolf Erlbruchs „Ente, Tod und Tulpe“ oder „Ist Amsel tot?“ von Olivier Tallec. Es ist ein Kompendium? Meeres-Kadavern werden von Aasfressern besucht, bevor die „Opportunisten“ an der Reihe sind: „Kleine wirbellose Tiere und primitive Würmer des Ozeans, die es auskosten, dass die grobe Arbeit bereits erledigt ist.“ Möglicherweise unbekannt ist, dass in Madagaskar alle paar Jahre die Toten aus den Gräbern geholt werden, um mit ihnen zu tanzen: „Die Idee dahinter ist, dass sich die beerdigten Geister langweilen.“

Die spanische Autorin Soledad Romero Mariño beschreibt Bestattungsrituale, stellt Totengedenktage vor (vom mexikanischen Día de los Muertos bis Halloween) und einige Legenden, wie jene über Meng Po, die chinesische Götting des Vergessens, die für Tote einen geheimnisvollen Trank braut, der alle fünf Geschmacksrichtungen in sich vereint – oder Hela, die nordische Göttin der Unterwelt, halb schöne Frau, halb verwesender Leichnam. Erinnert wird aber auch an viele Longevity-Entdeckungen: von der Anästhesie, die lebensrettende Operationen ermöglichte über Bluttransfusionen bis zur Kryonisierung. Das älteste Tier der Welt war übrigens eine Islandmuschel: „Sie erreichte ein Lebensalter von 507 Jahren und starb, als sie unabsichtlich geöffnet wurde. Ein Wissenschaftsteam wollte die Muschel untersuchen und hatte nicht erkannt, wie betagt und kostbar sie war.“ Soledad Romero Mariño (Text), Mariona Cabassa (Illustration): “Das wundersame Buch über den Tod”, aus dem Spanischen von Melanie Laibl, Leykam, 56 Seiten, 22 Euro, ab 6 Jahre

„Es war ein etwas wildes Jahr“, schreibt Stella Dreis über ihren neuen Geniestreich „Obacht!“. Diese skizzenhaft illustrierte Bilderbuchparabel ist auf Reisen entstanden – in Rumänien, Bulgarien, Deutschland, Österreich und der Schweiz. In einem Phantasiedorf leben die Kobolde Wimpf, Wompf, Timpe-Pa und Timpe–Ma: „Im Haus daneben wohnt das Mienchen.“ Als sich ein riesiges Tier vor ihrer Stadt hinlegt, entsteht helle Aufregung ((Spoiler: es ist ein am besten als Igelfuchs beschreibbares Wesen). „’Eieiei’, tönt der Wompf. ‚Oje!’ stöhnt die Timpe-Ma. ‚Ach ja?’, fragt neugierig das Mienchen. Obwohl von dem Tier keine unmittelbare Gefahr ausgeht, ist allen klar: „Da müssen wir etwas machen.“

Während die 1972 im bulgarischen Plovdiv geborene Stella Dreis früher deutlich mehr analog gearbeitet hat, wurden die „Obacht!“-Bilder mithilfe des Programms Procreate gezeichnet und in Photoshop weiterbearbeitet. Dazu kommt das Sonderfarborange, das man derzeit häufiger sieht, wie zuletzt in der avant-Veröffentlichung „Eine kurze Geschichte eines langen Krieges: Russland gegen die Ukraine“. Kann auch dieser Krieg die Farbwahl beeinflusst haben? Das bleibt ein Geheimnis. Nur: wie geht es weiter mit dem scheinbar gefährlichen Tier? Es soll nicht zu viel verraten werden, außer vielleicht, dass der titelgebende „Obacht!“-Alarm eine wichtige Rolle einnimmt, und wir das passende Buch fürs hyperventilierende Jahr 2026 vor uns haben. Gewählt auf die Besten 7 im Deutschlandfunk. Kerstin Hau (Text), Stella Dreis (Illustration): „Obacht!“, NordSüd, 40 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre

Mit Otfried Preußlers „Die kleine Hexe“ fing es an, es ging dann weiter mit Harry Potters bester Hexenfreundin Hermine Granger und nahm kein Ende selbst mit den (weniger guten) Hexengedichten Kim de l’Horizons. Wenn jetzt Marco Viale mit „Irma hebt ab“ eine weitere Hexe vorstellt, ist der Erfolg kein Zaubertrick. Vorgestellt wird eine weitere Hexe, die weder das Stilbewusstsein von Emma Watson hat, noch den Queer-Glamour des „Blutbuch“-Autors Kim de l’Horizon. Irma wirkt stattdessen wie eine Nachfahrin der „Hänsel und Gretel“-Hexe, was ihr gegen den Strich (oder den Besen) geht: „Sie hat keine Lust mehr, mit dieser uralten Hexerei Zeit zu verschwenden. Hat die Nase voll von unbequemen und altmodischen Transportmitteln wie aus dem Museum. Von ihren Kolleginnen, die in der Steinzeit stehen geblieben sind, nach Schwefel stinken und immer dieselben Geschichten erzählen. Von ihren Monsterfreunden ganz zu schweigen. Total aus der Mode.“ Sterneköche sind angesagt, Superhelden und Fußballer. Durch einen Zufall wird Irma plötzlich berühmt, ein Mega-Star – um später zu erkennen, dass sie keineswegs viel gewonnen, sondern noch mehr verloren hat. In coolen, unterhaltsamen, an saloppe Zeitungskarikaturen erinnernden Bildern erzählt Viale die Geschichte eines Identitätsverlustes. Das beste „Witch Project“ der vergangenen Jahre. Marco Viale: „Irma hebt ab“, aus dem Italienischen von Pia Jüngert, Mixtvision, 56 Seiten, 15 Euro, ab 5 Jahre

Bilderbuchautor und –illustrator Ragnar Aalbu hat im Hohen Norden bereits einige Preise für seine minimalistischen, stilisierenden Bebilderungen erhalten. Anfang 2025 begeisterte er mit „Herrn Specht geht’s schlecht“. Nun bringt er eine Geschichte, die aussieht, als sei sie mit Kartoffeln gedruckt worden. Ein kleiner Junge sucht seine Katze Georg. „Ich habe ihn seit Jahren nicht gesehen. Er ist schon öfters verschwunden gewesen, aber noch nie für so lange, Warum kommt er nicht nachhause?“ Viel wird dieser Tage über Bindungsängste gesprochen. Psychologinnen wie Stephanie Stahl („Das Kind in dir muss Heimat finden“) reüssieren, obwohl nachgewiesen ist, dass Menschen ihre Muster nicht einfach durchbrechen können. Diese Muster bilden sich während der frühkindlichen Entwicklung. Wenn ein junger Mensch keine Sicherheit hat, dass seine Bindungsperson stetsbwiederkommt, also nicht einfach aus seinem Leben verschwindet, kann die junge Seele erschüttert werden. Der kleine Junge in Aalbus Geschichte hat Glück. Seine Eltern unterstützen ihn bei der Suche nach Katze Georg. Sein Vater geht mit ihm mehrere Stationen ab: zur Nachbarin Jenny, zum verfallenen Haus, in den Wald. „Katzen verschwinden manchmal für einige Tage, sagt Papa. Das ist nicht ungewöhnlich. Vielleicht braucht sie hin und wieder ein paar Tage Urlaub.“ Es entsteht eine auch philosophische Suche, die sich letzten Fragen stellt – denn ist möglicherweise das Schlimmste gestehen, und Katze Georg überfahren worden, also tot, wie einst die Oma des Jungen? „Oma war superalt, bestimmt schon vierzig oder so.“ Ragnar Aalbu: „Auf der Suche nach Georg“, aus dem Norwegischen von Kathrin Frey, Kraus, 48 Seiten, 18 Euro, ab 4 Jahre
