Die Druckerkrise hat die Literatur-, und damit auch die Lyrikszene erfasst – Bücher verschieben sich infolgedessen, im September und November konnte jeweils nur ein Band vorgestellt werden, die Messesendung sprach über Ulf Stolterfohts „Rückkehr von Krähe“, obwohl das Buch erst wenig später veröffentlicht werden sollte (und dann gleich zweimal bei mir ankommen sollte). Ein feministisches Post-Epos bringt Ulrike Draesner und Juliane Liebert begeistert mit ihren „Mörderballaden“.
„es war ein montag als maria an der haltestelle / den schänder ihrer tochter sah / er stieg aus einem roten wagen / und ging in eine bar“. Aus Verbrechensmeldungen gestaltet die 36-jährige Journalistin, Dichterin und Musikerin Juliane Liebert ihre „Mörderballaden“, inspiriert von jenen mittelalterlichen Bänkelsängern, die mit Schautafel und Leier einst durchs Land zogen, um blutrünstige News zu verbreiten. Mit einer gehörigen Portion Voyeurismus folgen wir einem „gedicht über brieffreundschaften mit zum tode verurteilten“ oder der „ballade von frida und dem alten trotzki“. Großmütter werden ermordet („wir schlugen meine oma tot / das war, weil sie uns störte / ich mein, im grund, der johnny wars“) und Festgenommene abgeführt („wenn mein gesicht so gut wär wie meine beine / hätte ich es im leben weit gebracht / sagte sie / auf dem weg zum gericht“). Blut gefriert in unseren Adern während Rachetaten und Hinrichtungen, darunter jener der KZ-Aufseherin Elisabeth Becker, die als 21-Jährige Menschen ins Gas begleitete: „sie hängten dich. das hattest du verdient. / bemerkenswerter noch: dass deine henker / dir – als du: schon an fuß und hand gebunden / am galgen standst – noch eine jacke / über deine kalten schultern legten“. An dieser Schnittstelle von Nachrichten, Pitaval und Poesie gestaltet Liebert vibrierende Nachrufe: auf den 2024 in Folterhaft gestorbenen russischen Regimekritiker Alexej Nawalny, sie singt „die ballade vom armen henker valentin matz“ oder bedichtet die amerikanische Bankräuberin Peggy Jo Tallas, die Anfang der Neunziger in Männerverkleidung fünf Banken ausraubte – und 2005 Selbstmord durch einen Polizisten beging: „peggy jo tallas fuhr zur bank (ohne waffe) / peggy jo tallas / schrieb auf einen zettel / ‚gib mir das geld. keine markierten scheine / oder farbpatronen.’ / dann fuhr sie wieder heim“. Dieser wendig-schnelle Lyrikband kommt mit einer letzten Warnung (an meine Feinde): „ich bin ein leichtes opfer. muss man sagen / tretet ruhig zu. ich schwör euch. ich vergess es / und bind euch nachher noch die senkel neu“. Juliane Liebert: „mörderballaden“, Suhrkamp, Berlin, 60 Seiten, 20 Euro
Plastikpferde
Ein feministisches Post-Epos auf Homers „Odyssee“ bringt Ulrike Draesner mit „penelopes sch()iff“, u.a. inspiriert von Mary Beards Vortrag „Women in Power“ (2019) und Margaret Atwoods „Penelope und die zwölf Mägde“ (2005). Die geschlossenen () deuten eine Leerstelle, ebenso ein Weberschiffchen an, das Werkzeug Penelopes. Es gibt „eine Frau, die ihre Muskeln an einem Rudergerät stärkt, einen Krieger, der die Sonne vermisst, Chirurginnen und Sirenen, arrogante junge Männer und verletzliche Sklavinnen, die Erfindung des Telefons an einem griechischen Strand, wühlende schwarze Schweine, Adler und Meerkrähen, eine verfettete Athene, Plastikpferde, Gondeln, Fische, so sexsatt, dass sie sich nicht mehr bewegen können.“ Wo Homer endet, fängt Draesner an: „24/7 ‚odysseus’ da / hatte auch kirke genug?“ Der Mann ist back in town, jetzt ziehen die marginalisierten Frauen los. Die realen Griechen der Antike konnten das Patriarchat – so die These – nur deshalb durchsetzen, weil sie mit Penelope ein Ideal der bedingungslos treuen, dem reisenden Gatten ergebene Frau konstruierten, die ihr Tagwerk (das für ihren Schwiegervater gewebte Tuch) abends auflöst. Draesner erkennt in dieser Selbst-Vernichtung ein Sinnbild für unsichtbar gemachte Care-Arbeit, und befreit in einem moralischen wie ästhetischen Akt „ihre“ Penelope ebenso wie das Metrum der Geschichte, als „ein Aufbruch πόνος αμέτρητος (ponos ảmetrêtos), ins Unmessbare“. Die Heldin sticht in See, begleitet von hundert „Sirenen“. An die glaubt zwar niemand. Doch die Frauen nutzen ihre Horrorvision der betörenden, männerverschlingenden Mischwesen, um Verfolger abzuschrecken. „frau um / frau machen sie / mit ihrem instru- / ihrer geschmeidgen / kli- ihrem cursor / jeden westmenschen / vor schönheit verrückt“ Auf dem Schiff, kommen Sklavinnen frei, einstige Nebenfiguren wie Antikleia, Helena und Melantho rücken ins Scheinwerferlicht – in dieser Geschichte, die poetisch dicht, humorvoll gestaltet und mit üppigem Begleitmaterial angereichert wurde. Mit diesem (Weber-)Schiffchen lässt sich gut Kreuzfahrt machen. Ulrike Draesner: „penelopes sch()iff“ (postepos), Penguin, München, 304 Seiten, 35 Euro
Rückkehr von Krähe
„krähes erscheinung ist eindrucksvoll. allerdings misst sein penis / viele meter, so dass er ihn einrollen und in einem kasten auf dem / rücken tragen muss.“ Hier kommt ein krächzendes Abenteuergedicht, ein barockes Versepos auf das wechselhafte Leben von Krähe. Ulf Stolterfohts Held ist ein gefiederter, geteert und gefederter, dann wieder schildkrötenartiger Gestaltwandler, Zeiten und Erscheinungen an- und ablegend als „partisan krähe, schamane krähe, genosse krähe, citizen krähe, kamerad schnür- / krähe, krähe antagonist, kandidat krähe, señor proteus krähe“ usw. usf. In Kapiteln bzw. Zyklen wird diese Krähe-Existenz erforscht, mal als Heiligenleben erzählt, dann als Künstlerbiographie, als Pop-Hagiographie, als Fabel, Wissenschaftsaufsatz, als Publikationsliste: „halts maul und schreib dein gedicht (1996) ich verspreche, nicht in ihrem / mund zu brummen (1996) du seist vom jazz befreit! (1997) ersatzflüssig- / keit (1997) rückkehr von schwester von schwarze windeln (1997) wir / wollen es beide (1997) planet der bariton-frauen (1998) doc olmo (1998)“. Krähe erscheint „in der mitte der zu beschreibenden landschaft“, wo eine wüstenei, eine „prosaische ödnis“ angelegt ist, aus der Krähe zu einer langen, Dichtertraditionen durchstreifenden Reise aufbricht. In Versen nähert sich Stolterfoths Text einer irrwitzigen Figur, die mal als Hollywoodschauspieler, dann wieder als Leader der „krähe & die vögel“-Band erscheint, als „ladenschwengel bei einem schorndorfer herrenausstatter“, als Nutznießer des Mäzens und gläubigen Jesuiten Kalkbrenner, einem „mann aus dem steirischen klerikaladel“. Dieses Abenteuergedicht bildet den literarischen Abschluss, die „summa“ des ursprünglich als Hörspiel-Trilogie angelegten Krähe-Mythos’ (2021/22 im SWR) – anspielungsreich, von Ted Hughes’ berühmtem Gedichtzyklus „Crow” („wem gehören diese kleinen, klapperdürren krallenfüße? dem ted.“) über Frank Zappas „Jesus thinks that you are jerks!“ bis zu – viel Spaß bei der Verifikation: „Kommando Bimberle (Hg.): Schwäbisches Leben in Berlin-Schöneberg; Berlin: SixtyTwo 1994“. Große Lyrik. Wild! Ulf Stolterfoht: „rückkehr von krähe: abenteuergedicht“, kookbooks, Berlin, 160 Seiten, 26 Euro
