Vor drei Jahrzehnten schauten österreichische Boulevardzeitungen pseudo-entsetzt auf die gerade überführte Serienmörderin Elfriede Blauensteiner. Aus Gier, aber auch aus Rache für ihr verpfuschtes Leben ermordete die 1931 geborene Wienerin zahlreiche Gatten und Pflegepatienten. Eine Moritat betrachtet erstmals die persönlichen Hintergründe.
Über vierzig Jahre sind vergangen seit Veröffentlichung des epochemachenden „Merkur“-Essays „Das Böse – eine ästhetische Kategorie?“. Der Kölner Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer untersuchte darin, weshalb „sich ästhetische Konstrukte offenbar nicht auf die moralisch-diskursive Rede rückübersetzen lassen, so gerne man dies auch möchte“. Es ist eine These, die unserer gegenwärtig oft moralischen Analysen konterkariert. Anders gesagt: Diese moralisch-diskursive Rückübersetzung von ästhetischen Konstrukten – wie der Literatur – hat sich zwar als beliebtes Spiel etabliert, allerdings ohne nennenswerten Erkenntnisgewinn. Das ist kein Wunder. Man hätte vorab lediglich einen Gewährsmann wie Heinrich von Kleist konsultieren müssen, der bereits 1807 argumentierte, dass Moral bestimmte Formen von Literatur verhindert.
„Die griechische Tragödie, so Kleist, hätte unter solchen moralisierenden Kriterien, wie sie ein gegenwärtiges bürgerliches Publikum vertrete, nie entstehen können!“ Auch daran erinnerte Karl Heinz Bohrer in seinem Essay, um davon ausgehend zu untersuchen, wie Literatur über das Böse ein Erkenntnisinstrument sein kann.
Eine echte Gift-Witwe
Sicher hätte sich Bohrer auch für jene schaurige Ballade interessiert, die Florian Klenk, Chefredakteur der österreichischen Wochenzeitung „Der Falter“ veröffentlicht hat. Sie trägt den mehrdeutigen Titel „Ausreden“, gibt sich selbst die Gattung „ein Bekenntnis“ und erinnert an einen Kriminalfall, der Mitte der 1990er die Boulevardzeitungen beschäftigt hat. Die Wienerin Elfriede Blauensteiner war gerade des Mordes an mehreren Menschen überführt worden. „Weibsteufel“ wurde sie genannt, „Gift-Witwe“ oder „Teufels-Oma“. Doch von Reue war selbst Jahre später nichts zu vernehmen – stattdessen nur die titelgebenden Ausreden: „Ich krieg / gutes Essen. / Eine Diät – / für meinen Zucker. // Ich hab / nette Beamtinnen. / Lass ich einmal / den Kopf hängen – / kommt eine // und fragt: / ‚Was ist los?’ // Ich bin / nicht allein. / Nicht allein.“
Mit dieser ich-fixierten Aussage aus dem Gefängnis endet Florian Klenks Rekonstruktion, die kapitelweise und – das ist ungewöhnlich – in Versform an fünf Opfer erinnert: an die drei getöteten Blauensteiner-Gatten Rudolf, Alfred und Friedrich, an die später exhumierte Seniorin Franziska, die noch Spuren des Tötungsmittels in sich trug – aber auch an Elfriede Blauensteiner selbst, die nicht die einzige Täterin in ihrer Familie. Ihre kleine Schwester Hermine wurde ausgehungert von ihrer gemeinsamen Mutter Ende der 1930er Jahre.
„Die Hermine ist erstickt. / Mit elf Monaten. / 1939 war das. / Es war vereitert, der Hals. // Die Mutter hat nie einen Arzt gerufen. / Ich komm von der Schule heim. / Liegt da die Hermine. / Ich hab ihr eine Schokolade aufgespart. // Bis zum Hals bekleidet. / Den Unterkiefer hochgebunden. / Wegen der Totenstarre.“ Mitleid bekam Hermine nicht einmal nach ihrem Tod. Die Mutter und ihr neuer Mann gingen noch am selben Abend ins Kino – um sich abzulenken. Es war die Zeit des Nationalsozialismus: „Was nicht gesund ist, das gehört nicht her“ (sic!), dachte die Mutter über ihr eigenes Kind. Diese kaltherzige Frau traumatisierte ihre Tochter Elfriede, die spätere Mörderin, derart, dass nichts Gutes entstehen konnte. Dies ist jedenfalls eine Vermutung, die sich aus dem Text Florian Klenks ablesen lässt.
Zeugnisse einer gesellschaftlichen Störung
Seine mehrteilige Ballade ist auf Basis protokollierter Aussagen entstanden, die Elfriede Blauensteiner im März 2001 während einer forensischen Untersuchung gemacht hatte. Der Text bedient sich also eines Verfahrens, das man aus dem Dokumentartheater der 1960er Jahre kennt, das in den 2000ern erneut reüssierte mit zahlreichen Projekten des Künstlerkollektivs Rimini Protokoll oder des schweizerischen Theatermachers Milo Rau. Die Gesprächsprotokolle der Serienmörderin Elfriede Blauensteiner müssen im Original erschütternd sein – und erscheinen in der literarischen Bearbeitung Florian Klenks als Zeugnisse einer psychischen und einer gesamtgesellschaftlichen Störung. „Ausreden“ liest sich wie ein Sittengemälde des kalten 20. Jahrhunderts, in dem Gewalt allgegenwärtig war; Gewalt in der Familie, in der Schule und in Kneipen, Gewalt gegen Kinder und alte Menschen, gegen Kranke, ja selbst gegen schwangere Ehefrauen.
„Er kommt. / Gibt mir einen Klaps / auf den Po. // Normal wär das / ein Annäherungsversuch. // Aber mir / tut schon alles weh. / Ich sag: / ‚Mir tut schon alles so weh.‘ // Dann nimmt er / den Deckel / vom Häfen. / Und haut ihn mir / auf den Bauch. // Ich schreie: / ‚Lass mein Kind!‘ // Ich hab das Essen gemacht. / Alles gemacht. // Ich war / grün und blau / vom Deckel.“
Das Böse spricht sich aus
In dieser Drastik lässt Klenk die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner ihre eigenen Missbrauchserfahrungen schildern – fast reflexartig löst das Mitleid aus gegenüber einer Frau, die aus reiner Geldgier Menschen getötet hat. Hier trifft der Text einen moralischen Schmerzpunkt, der selten in der Literatur angesteuert wird: Darf Figuren, die monströs erscheinen, echte Empathie entgegengebracht werden? Der jetzt erschienene Titel „Ausreden“ deutet vordergründig in eine klare moralische Richtung. Blauensteiners Gewalterfahrungen werden als selbstmitleidige Rechtfertigungen einer eiskalten Verbrecherin disqualifiziert. Doch man kann diesen Text auch unmoralisch lesen, als eine Beichte, in der sich das Böse erklären darf. Man lässt Elfriede Blauensteiner „ausreden“ – auch so lässt sich der Titel verstehen. Bis sie irgendwann bekennt: „Ich brauche / eine Pause. / Bitte – / eine Pause.“ Über rund hundert Seiten darf ausnahmsweise die Sichtweise des Bösen gelten, während die unschuldigen Opfer schweigen.
„Ich hab / zwei Eigentumswohnungen gehabt. / Kleine Löcher. / Fünfter Stock. / Und eine Gemeindewohnung. / Zwei Zimmer. // Ich hab meine Pension bekommen. / Und die meines Mannes. / Nach der Beerdigung / waren noch 160 000 Schilling da.“ So schnöde referiert Elfriede Blauensteiner ihre Eigentumsverhältnisse, ohne darauf einzugehen, dass ihr Wohlstand allein durch die Ermordung ihrer Gatten möglich gewesen ist. Selbst ihre Spielsucht rechtfertigt diese Frau mit den lapidaren Worten: „Nein, da war keine Sucht. / Da war keine Sucht. / Da war ein Einkommen. / Ich habe gewonnen. / Das war ein Einkommen. / Für mich.“
Die listige Witwe
Bereits 2001, also zur Zeit der forensischen Protokolle, erschien der österreichische Spielfilm „Die Gottesanbeterin“, der eher motivisch angelehnt war an die realen Verbrechen Elfriede Blauensteiners – eine schwarze, bis ins Groteske überzeichnete Komödie: mit der unnachahmlichen Christiane Hörbiger in der Hauptrolle und mit einem diabolischen Udo Kier, der sich nur scheinbar von der schwarzen Witwe einfangen lässt. Sechs Jahre später folgte die Uraufführung der Operette „Die listige Witwe“ am Landestheater Linz, kalauernd schon im Titel, der an Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ angelehnt war. Somit ist diese Moritat Florian Klenks, die erste ernstgemeinte künstlerische Auseinandersetzung, die absichtlich auf die blinden Flecken dieser Boulevard-Schauergeschichte fokussiert.
„Der erste Prozess war ein nationales und ein internationales Spektakel, von den Medien monatelang mit Sonderserien begleitet und später in Filmen und Operetten inszeniert. Im Zentrum stand die Brutalität der ‚Gift-Witwe‘, ihre vermeintlich diabolische Erscheinung. Was aber kaum je thematisiert wurde, war der Umstand, wie diese Frau zur Mörderin werden konnte. Wie war sie aufgewachsen? Wie wurde sie sozialisiert? Wie hat sie ihr eigenes Kind erzogen? Und wieso konnte sie jahrelang bei der Pflege von Menschen morden, ohne dass es irgendwem aufgefallen war.“ Das schreibt Florian Klenk in der dokumentarischen Nachrede zu seinem Text, in dem er dann doch die Hinterbliebenen zu Wort kommen lässt – nicht künstlerisch bearbeitet, sondern im journalistischen Duktus.
Es schwindelt einen doppelt
Diese Nachrede ist das Gegengewicht zur vorherigen Vers-Collage, quasi die Moral zur unmoralischen Geschichte. Klenks Gegenüberstellung von Täter- und Opferrede in einem Band zeigt anschaulich, dass Karl Heinz Bohrer folgend, „die Imagination des Bösen“ tatsächlich andere Erkenntnisse hervorbringen kann. „Ausreden“ steht so neben den „Mörderballaden“, die Juliane Liebert im vergangenen Herbst veröffentlicht hat – es ist doch interessant, dass diese Gattung neuerdings Konjunktur hat. „Ausreden“ ist eine ungewöhnliche, da unmoralische literarische True-Crime-Variation, die beweist: Jeder Mensch ist ein Abgrund, doch es schwindelt einen doppelt, wenn man hinabschaut in den Abgrund dieser Serienmörderin.
Florian Klenk: „Ausreden“, Zsolnay, Wien, 144 Seiten, 23 Euro
