Dicke sterben später

Er ist klein, dick, schweinchenrosa – und tödlich! Dieser hässliche Antiheld befördert die schönsten Lover ins Grab: aus dummer Eifersucht. Schauspieler Philipp Moog hat mit „lebenslänglich“ einem mörderischen Debütroman verfasst.

Serienkiller sind selten sympathische Zeitgenossen. Das gilt für den talentierten Mr. Ripley genauso wie für „American Psycho“-Yuppie Bateman oder Patrick Süskinds Parfümjäger Jean-Baptiste Grenouille. Aber: Ripley ist clever, Bateman cool und Grenouille romantisch verliebt. Der namenlose Mörder in Philipp Moogs „lebenslänglich“ muss seine Zeit stattdessen als kleiner Sparkassenbanker rumkriegen. Er strahlt öde Mittelmäßigkeit aus – ein ärmlich dummer Schalternerd mit rotem, später grünlichem Haar und verfettetem Wanst, verschwitzten Klamotten, versifften Gedanken. Selbstverständlich gafft, schnüffelt und sabbert er seinen hübschen Kolleginnen hinterher. Die druckfrischen Papierseiten müffeln ranzig. Hier stinkt alles. Es ist ekelerregend.

41zE9-i8klL._SY344_BO1,204,203,200_Dieses durchschnittliche, notgeile, rosagesichtige Schwein kann nicht ertragen, dass andere glücklich sind. „Wie schafft es ein Mensch, sich mit seiner Bedeutungslosigkeit abzufinden, oder schlimmer: sie zu seiner Lebensmaxime zu machen? Resignation ist mir als Antwort darauf zu naheliegend.“ Deshalb ermordert er die schönen Liebhaber aller Frauen, die unerreichbar bleiben. Er mordet in der Hoffnung, die weinenden Witwen würden wenigstens dann in seine trostbereiten, fetten Arme sinken.

Doch was passiert? Ausgerechnet die dicke Marlene, die er ganz bestimmt nicht auf dem Zettel hatte, verknallt sich in ihn und nervt als Superstalkerin. Wird Marlene, die Liebende, hinter die dunklen Geheimnisse ihres Schwarms kommen? Und würde eine dicke, verknallte Rubensbraut ihren süßen, knuddeligen Liebhaber verpfeifen? „Einem schönen Menschen öffnen sich Türen“, seufzt der Unglückselige und gibt sich vom Leben geschlagen. Er wird niemals schön werden, er hat es zu oft versucht. Fehlanzeige.

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq hat in Romanen wie „Elementarteilchen“ oder „Plattform“ die sogenannte „Ausweitung der Kampfzone“ beschrieben. Immer wieder scheitern seine unattraktiven Helden an Schönheitswahn, Sex-Leistungsdruck und Altersdiskriminierung. Alles ist marktwirtschaftlich organisiert, überall geht es um den Kampf der Besten, um Evolution, um Werbung, Produktion, Gewinn. Süße Früchte sind im Supermarkt und im Club auf die gleiche Art und Weise begehrt. Wem Charisma, Kohle, Glanz und Grazie abgehen, der verfault in seiner dunklen Ecke. „lebenslänglich“ ist die Geschichte eines Gefallenen, der immer auf der „Don‘t“-Liste des Lebens stand. Er hat so viel Liebe zu geben: Doch niemanden interessiert das. In solchen Situationen fällt der Griff zum Fluss-Stein oder zur spitzen Fonduegabel leicht. Patrick Bateman bringt in „American Psycho“ die Schwachen, Armen, Aussätzigen, Hässlichen um. Philipp Moogs Mörder hat es auf die Starken, Reichen, Begehrten, Schönen abgesehen.

Philipp Moog ist ebenfalls ein schöner Mensch und das exakte Gegenteil zu seinem Helden – oder, anders gesagt: Das perfekte Mordopfer. Er ist klug, erfolgreich, inspiriert. Als Schauspieler, Drehbuchautor und Synchronsprecher leiht der 47-Jährige überaus angenehmen Zeitgenossen seine Stimme: Ewan McGregor („Trainspotting“ , „Die Insel“), Owen Wilson („Darjeeling Limited “), Christian Slater („Hard Rain“ ) und Orlando Bloom („Der Herr der Ringe“). Allein das wird die 1LIVE-Klubbinglesung zu einem besonderen Ereignis werden lassen. Denn man muss nur die Augen schließen und plötzlich steht Legolas in einer engen, Münchner Sparkassenfiliale.

Der 47-Jährige hat in Kinofilmen mitgespielt und ist Old-School-Serienfans aus der „Schwarzwaldklinik“, „Forsthaus Falkenau“ und „Der Landarzt“ bekannt. 2006 erhielt Philipp Moog den Adolf-Grimme-Preis in Gold für seine Rolle als Sohn einer Krebskranken in „Marias letzte Reise“. Sein Buch dagegen ist gemein, gefährlich, trostlos und bitter, bitterböse. Rührend bleibt hier nur Philipp Moogs Danksagung zum Schluss. Darin erwähnt der Schriftsteller alle Kellner und Kellnerinnen, „die mir an längeren Abenden eine zweite Kerze auf den Tisch stellten, damit ich mir beim Schreiben nicht die Augen verdarb.“ Wer dieses Buch gelesen hat, der wird aus Neugierde und Dankbarkeit eventuell ins Berliner „Savoy“-Hotel, ins nahe gelegene „Mao Thai“-Restaurant, zu den Münchner Lokalen „Toshi“ und „Tokami“ oder ins Wiener „Hawelka“ reisen. Denn dort ist „lebenslänglich“ entstanden, im flackernden Kerzenlicht.

Philipp Moog: „lebenslänglich“, Dumont, 192 Seiten, 8,99 Euro (Taschenbuch)

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