Der sanfte Sünder

Gerade erschien „Der Schneeflockenbaum“, ein sehr intimer Roman des großen, niederländischen Schriftstellers Maarten ‘t Hart. Selten weiß man, was erfunden oder direkt aus dem Leben kommt. Zu Besuch beim großen Querkopf der niederländischen Literatur.

Maarten ‘t Harts neuer Roman „Der Schneeflockenbaum“ beginnt mit einem Totentanz. Beteiligt sind ein Leichenwagen und ein Reisebus. Im Leichenwagen liegt der tote Stiefvater, der nicht in seinem letzten Wohnort in Südholland begraben werden wollte, sondern in „einer Grube in Groningen“. Im Reisebus sitzt die Trauergesellschaft – der nicht mehr ganz junge Erzähler neben der Frau Mama, weiter hinten sein Bruder, der ihm irgendwann besorgt zuflüstert: „Die machen ein Wettrennen.“

Der Erzähler schaut zum Leichenwagen, der immer wieder auf die linke Spur ausweicht, und wird Augenzeuge waghalsiger Überholmanöver. „Der Leichenwagen versuchte, uns abzuschütteln“. Das gelingt ihm auch ganz hervorragend. Am Ende des Rennens sitzt die Familie allein auf den harten Kirchenbänken. Der Leichenwagen wartet mit dem Sarg vorm falschen Gotteshaus, in „Balloo vielleicht“, sagt der Pfarrer. Und der Bruder mutmaßt:  „Möglicherweise steht der Wagen dort vor der reformierten Kirche?“ – „Balloo hat keine reformierte Kirche“, sagt der Pfarrer. – „Wissen sie das genau?“, fragt der Bruder. „Ein Ort in den Niederlanden ohne reformierte Kirche? Da will ich hinziehen.“ – Schon hat es Maarten ‘t Hart wieder einmal geschafft, der Tragik des Lebens hinreichend Spott abzutrotzen.

Der Roman begleitet zwei Leben, das eines Überfliegers und das seines besten Freundes, der denkbar umständlich zum Mann reift und dabei ständig versucht, dem Überflieger das Wasser zu reichen, sich von ihm nicht die Frauen ausspannen zu lassen, in der Konkurrenz keinesfalls unterzugehen. Bis er sich ganz zum Schluss wieder bei einer Beerdigung einfindet, wo er endlich Klarheit über ein großes Rätsel gewinnen kann. Und es vielleicht endlich schafft, in Frieden zu leben.

„Der Schneeflockenbaum“ ist ein galantes Meisterwerk. Wie immer bei Maarten ‘t Hart ist es so eng mit der Geschichte des Autors verknüpft, dass das Leben, von dem er erzählt, beinahe sein eigenes sein könnte. Und wie meistens erzählt Maarten ‘t Hart von Gottes Werk und Teufels Beitrag, wie es vor ihm nur die nordischen Meister konnten, Autoren wie Storm, Fontane oder Siegfried Lenz in seinen besten Jahren.

„Herr behüte meinen Mund, schütz meiner Lippen Türe, auf dass ein unbedachtes Wort mich nicht ins Elend führe.“ Von Psalm 141, Vers 3 hat sich die Mutter aus dem Roman 70 Jahre lang leiten lassen.  „Der Schneeflockenbaum“ aber erzählt verschwenderisch von den 1940er Jahren bis in die Gegenwart: von Männern, die aus Liebe einen Hund ersäufen, von früheren Kollaborateuren, die SS-Schergen als „Intellektuelle“ verehren, von sadistischen Paukern, lüsternen Missionarinnen, von eifersüchtigen Querflötenlehrerinnen. Er erzählt auch von Libellen, Mooren, Wanzen, Mücken, Spinnen. Maarten ‘t Hart ist Biologe.

Die Fahrt von ‘t Harts Geburtsort Maassluis – seine Schwester Lenie führte unter anderem zum Friedhof, wo ihr Vater als „Grabmacher“ arbeitete – zum Landhaus des Dichters ins malerische Warmond nahe Leiden gestaltet sich unaufgeregter als das Rennszenario im neuen Roman. Vorbei geht es an silbrig-weiß schimmernden Gewächshäusern, über die Landstraße hinweg, von dort auf einen Feldweg, vorbei an Tümpeln, Weiden, einen Wassergraben entlang.

Eingeladen hat der Piper-Verlag. „Der Schneeflockenbaum“ erscheint hier in der beachtlichen Startauflage von 50 000 Exemplaren. Maarten ‘t Harts hat in Deutschland bereits 1,7 Millionen Bücher verkauft. Er ist hier fast beliebter als in seiner Heimat. Die Kulturkirche in Köln wird bei der lit.COLOGNE selbst um halb drei Uhr an einem frühen Sonntagnachmittag ausverkauft sein – eine ungewöhnliche Zeit für eine Lesung. Aber der Schriftsteller möchte gern ab halb zehn Uhr im heimischen Bett schlafen, wenn die Sonne untergegangen ist, weshalb er nicht zu früh, aber auch nicht zu spät auf die Bühne kommen kann. Aufstehen wird er, im Takte der Natur, um fünf Uhr in der Früh.

Kurz nach halb drei wird Maarten ‘t Hart möglicherweise aufwachen – das könnten die vermuten, die sein wunderbares Buch „Mozart und ich“ gelesen haben. Er wird auf die leuchtende Digitalanzeige seines Weckers schauen und die Uhrzeit mit Melodien aus dem Köchelverzeichnis (KV) nachsummen: „KV 335, die zwei schönen Märsche, die man nie zu hören bekommt; KV 336, die Kirchensonate C-Dur, mit Abstand die reichste der Kirchensonaten, auch wenn sie nur für Orgel und Streicher komponiert wurde.“ Und so weiter. Ein paar Stücke fehlen, weil sein Wecker später von 3:59 auf 4:00 umspringt.

Maarten ‘t Hart liebt klassische Musik – die „Beatles“ und die „Stones“ vergleicht er mit dem „Geschrei zu Babel“. Mit der Kirche und dem Calvinismus hat dieser „ungläubige Thomas“ nichts am Hut – aber seine theologische Bibliothek ist größer als die Johann Sebastian Bachs. Er ist ein Schnellleser (200-300 Seiten in der Stunde, auch auf Deutsch oder Englisch) und ein Universalgelehrter. Ein Querkopf. Und der sanfte Streithahn seines Landes, der selbst am Geburtstag lieber bei einer Fernsehtalk-Runde über den Afghanistankrieg debattiert, anstatt sich feiern zu lassen.

Und dann sitzt der 65-Jährige im schlichten Fleecepullover am Wohnzimmertisch, seitlich zum Bücherregal, das mit musikwissenschaftlichen Werken, mit Noten und Komponistenbiographien gefüllt ist. Er hat seine beiden Kurzflügel im Blick, ist wachsam, lehnt sich nicht an – als wolle er nach dem Plausch am Kamin zu einer Radtour aufbrechen.

Er erzählt vom Stoff, aus dem seine Romane sind – zum Beispiel, wie sein streng calvinistischer Onkel zum Heiligen Abend „aus missionarischem Eifer“ Geburtstagskarten zu Ehren Jesu an die Nachbarschaft verschickte. Zu Maarten ‘t Harts eigenem Geburtstag schenkt man am besten „Gartengeräte oder Blumensamen“, verriet seine Verlegerin Elik Lettinga tags zuvor. In der Natur fühlt er sich zu Hause, ohne diese neumodische Outdoor-Fitness-Attitüde, ohne Geländewagen, Thermozelt und Trekkingschuhe. Das würde alles nur unnötig Geld kosten. Dabei ist Geld an sich gar nicht das Problem. „Mein Problem ist, dass ich nicht imstande bin, es auszugeben.“

Er berichtet von seiner 89-jährigen Mutter, die in „Der Schneeflockenbaum“ zum allerersten Mal literarisch auftaucht, um von seiner Geburt zu erzählen, von seinen Kindertagen, von der Entdeckungslust als Siebenjähriger, wie er sich am eigenen Geschlechtsteil befummelte: „Schrecklich, schrecklich, ein so kleiner Kerl noch und schon ein so großer Sünder.“ Erst beim vierten Buch habe die Mutter überhaupt bemerkt, dass ihr Sohn Schriftsteller ist – weil er damals noch unter Pseudonym veröffentlichte. Sein Vater dagegen starb zu früh, um mitzubekommen, wie ihm 1979 im holländischen Original mit „Gott fährt Fahrrad oder Die wunderliche Welt meines Vaters“ ein sentimentales Denkmal gesetzt wurde.

Seine Schwester Lenie erinnert sich an eine Anekdote, die besonders herzlich beschreibt, welchen Humor ihr Vater hatte: „In der Kirche sangen die Leute früher das Lied : „Nimmt mein Silber und mein Gold und das ich nichts davon behalte“ und dann sang meinen Vater, man muss sich das vorstellen, in einer vollbesetzten Kirche mit 800 Glaubigen : „Nimm‘ mein Silber und mein Gold das ich etwas davon behalte.“ Da weiß man sofort, von wem Maarten ‚t Hart seinen Blick auf die Welt geerbt hat,

1978 hat er mit dem später verfilmten Roman „Ein Schwarm Regenbrachvögel“ den literarischen Durchbruch geschafft. Über einen Million Exemplare verkaufte Maarten ‘t Hart allein in den Niederlanden. Er quittierte seinen Beruf als Verhaltensforscher, ließ die jahrelang von ihm markierten Stichlinge unbeobachtet und widmete sich der Beobachtung einer andere Welt: „Maarten schreibt, wie ein Bäcker Brot backt, mit Mehl und Rosinen, kann man sagen, und darunter mischt er die vielen unterschiedlichen Geschichten, die er aus der Stadt weiß“, erklärt seine Schwester. Als sei alles ganz leicht.

Doch was ist in „Der Schneeflockenbaum“ das Mehl und was die Rosinen, was Dichtung, was Wahrheit? Maarten ‘t Harts Frau Haneke ist Flötenspielerin, wie die Musiklehrerin und spätere Geliebte des Helden im Roman. Wie sein Autor verehrt der Held Mozart und Bach. Er schleicht sich in den Konzertpausen heimlich in den Saal, weil er den Eintritt nicht bezahlen kann – wie Maarten ‘t Hart als Student. Er bleibt ebenfalls kinderlos.

Intimer entwickelt sich die Szenerie, wenn Maarten ‚t Hart über Erotik, über das Liebes- und Geschlechtsleben schreibt. Der Held des Romans verabredet sich mit einer „Prostituierten Gottes“, einer skurrilen Missionbewegung von jungen Frauen, die sich Anfang der 1960er Jahre in Harvard der bis 1987 tatsächlich existierenden evangelikalen „Flirty Fishing“-Bewegung anschlossen. Ihr Ziel: „durch den Einsatz von Sexappeal und Geschlechtsverkehr Leute“ zu bekehren. Erst kommt der Sex. Dann die Moral. Später erlebt der Held (wie Maarten ‘t Hart ein Biologe) eine Affäre mit  seiner Doktorandin. Sie treiben es ein Frühjahr lang „wie läufige Katzen“.

Lesen streng calvinistische Eltern solche Zeilen gern? Andererseits, jetzt, wo Maarten ‚t Harts Erfolg schon so lange anhält, muss die Frau Mama doch unfassbar stolz auf ihren Sohn sein. Doch der antwortet an diesem Nachmittag: „Sie ist froh, aber nicht stolz, nein, das nicht.“ – Dann lächelt er. Stolz ist ihm möglicherweise fremd. Maarten ‚t Hart strahlt eine unaufdringliche, bodenständige Würde aus. Aber es ist eine Würde, die der Autor jederzeit zu ironisieren weiß.

Vor vielen Jahren verkleidete er sich für eine Literaturparty als Frau. Angeblich hatte er damals eine Wette mit einem Schriftstellerkollegen verloren. Es ging darum, wie lange George Bush senior und seine Bodentruppen brauchen würden, um Kuwait zu befreien. Maarten ‘t Hart schätzte, dass die Amerikaner mindestens vier Wochen kämpfen müssten. Tatsächlich zogen sich die Iraker zwei Tage nach Beginn des US-amerikanischen Einmarschs aus Kuwait zurück. Die Maskerade war der Wetteinsatz „Eine einmalige Sache“, sagt der Autor. „Nun, mit ihm habe ich eben einen Bruder und eine Schwester“, sagt seine Schwester Lenie ‘t Hart sibyllinisch.

Aber eigentlich ist unwichtig, was stimmt, was erfunden ist. Wichtig ist, dass Maarten ‘t Hart schreiben kann, als sei alles möglich. Seine große Stärke liegt in der unaufgeregten Betrachtung menschlicher und allzumenschlicher Regungen. Er schreibt ganz schlicht und gelassen, immer der Geschichte selbst vertrauend, über „Luther, Wagner, Hitler“ als antisemitisches „Dreigespann“ („Die Netzflickerin“), dann über ein mysteriöses Giftverbrechen („Die Sonnenuhr“), später über Beischlaf mit einer Transsexuellen („Der Psalmenstreit“). Es gibt Kinder, die Selbstmord begehen („Die Jakobsleiter“), verzweifelt trauernde Söhne („Gott fährt Fahrrad“), mörderische Geliebte („Die schwarzen Vögel“) und pädophile Polizisten („Das Wüten der ganzen Welt“).

Nichts ist diesen Romanen, nichts ist diesem Autor fremd. Als kompensiere Maarten ‘t Hart mit erzählerischen Mitteln seine strenge, calvinistisch geprägte Jugend, die er bis zum achten Lebensjahr „mit der kargen Kost von hundertfünfzig Psalmen und neunundzwanzig Kirchenliedern“ aushalten musste. Er lebt sich aus. Auch das steht in einem seiner Romane: „Gegen Unruhe hilft nicht Stehenbleiben, sondern Bewegung.“

Maarten ‘t Hart: „Der Schneeflockenbaum“, übersetzt von Gregor Seferens, Piper, 350 Seiten, 19,95 Euro

3 thoughts on “Der sanfte Sünder

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  3. Wunderbarer Text, danke, dass du mir a) – so ganz nebenbei – gezeigt hast, wie fesselnd du schreiben kannst 😉 & b) mich daran erinnert hast, endlich wieder Maarten ‚t Hart zu lesen. Es tippt sich gut auf dem MacBook Air, nicht? ;D
    See you!

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