Rezension: Der Infoflash

Wenn eine SMS aufleuchtet unterbrechen wir alles. Und Amazon sucht uns die Bücher aus. Rechner dürfen unser Leben nicht bestimmen – fordert Frank Schirrmacher in seinem Sachbuch “Payback”. 

Wer kennt das nicht? Man sitzt gerade an einer wichtigen Hausarbeit für die Uni oder muss ganz dringend dieses eine Buch lesen – da leuchtet das Handydisplay, weil eine SMS angekommen ist. Was machen wir? Wir springen auf, lesen die Nachricht und brauchen anschließend 25 Minuten, um uns wieder auf unsere eigentliche Tätigkeit konzentrieren zu können. Das wurde wissenschaftlich bewiesen. Man kann also mit Recht sagen: Handys und Computer lenken uns durch den Tag – indem sie uns ablenken. Über dieses und andere Kommunikationsphänomene hat FAZ-Feuilletonchef Frank Schirrmacher ein Sachbuch geschrieben: Es heisst “Payback” und erklärt, warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen.

”Jeder merkt, wenn er die fünfte Kaffeemaschine gekauft hat, die er nicht braucht. Bei der Informationsaufnahme merken wir das nicht. Informationen stehen nicht irgendwo im Zimmer herum wie ein überflüssiges Gerät”, schreibt Frank Schirrmacher. Dennoch klicken wir uns wahllos durch Twitternachrichten, Popblogs und Internetauftritte zahlreicher Magazine. Wir spüren die Kosten für unsere Informationsaufnahme nicht. Im „wahren Leben“ widerstehen wir der Versuchung, etwas zu kaufen, doch kostenlose Informationen schaufeln wir bedenkenlos in uns hinein. Das Ergebnis: Unser Gehirn ist irgendwann erschöpft und glüht wie eine Kochplatte, die wir aus Versehen nicht abgeschaltete haben. Der Ausweg: Man kann seine Willenskraft stärken und sich ablenken, nicht immer nur den Geräten nachjagen. Warum nicht etwas etwas Kreatives machen, Musik zum Beispiel oder Joggen gehen, abschalten, entspannen. Selbst-Regulation ist die “Trumpfkarte der Persönlichkeit.” Wir wollen doch keine Computer sein. Oder? – Wir werden von der Gesellschaft trainiert, wie Maschinen zu funktionieren und jede freie Minute mit Handeln auszuschöpfen. Wir telefonieren, während wir die Wäsche aufhängen, wir rufen Emails ab, während wir am Frühstückstisch sitzen, wir checken unsere SMS beim Einkaufen und twittern beim Spazierengehen.

“Alles spricht dafür, dass Multitasking Körperverletzung ist”, schreibt Frank Schirrmacher. “Die Menschen verlieren buchstäblich all das, was sie von den Computern unterscheidet – Kreativität, Flexibilität und Spontaneität.” Multitasking macht uns zerstreut. “Multitasker verlieren systematisch die Fähigkeit, zwischen Wichtigem und Unwichtigem in ihrer Umgebung zu unterscheiden.” Sie reagieren auf jeden Alarm – sobald etwas blinkt oder schellt lassen wir uns ablenken. Multitasking macht ineffizient. Der Ausweg: Nicht jede Minute die Emails nachschauen, Handys zwischendurch abschalten. “Multitasking ist der zum Scheitern verurteilte Versuch des Menschen, selbst zum Computer zu werden.” – ”Jeder Autofahrer, der ein Navigationsgerät hat, kennt das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn er sich, beispielsweise im Ausland, den Weg durch den Verkehrsdschungel plötzlich wieder selbst suchen muss.” Computer lassen uns einfache Regeln und Verhaltensweisen verlernen.

Vor wenigen Jahrzehnten konnte jeder 35 x 35 im Kopf ausrechnen. Das ist übrigens ganz leicht: “Nimm die erste Ziffer (3) und multipliziere diese mit der nächsthöheren (4), das ergibt hier 12. Dann hänge immer die Ziffernfolge 25 an, was 1225 ergibt. Mit diesem Shortcut kann man im Nu 45, 55 und 65 zum Quadrat berechnen – im Kopf, wohlgemerkt.” Der Ausweg: Niemand muss auf Geräte verzichten. Aber es hilft, sich klar zu machen, dass man auch ohne diese Geräte durchs Leben kommen könnte. Faustregeln helfen, flexibel zu bleiben. Denn was machen wir, wenn der Strom ausfällt und die Batterie leer ist – verhungern? Stehenbleiben? Wenn wir bei einem Internethändler etwas bestellen, merkt sich ein Programm, was wir angeklickt haben und errechnet, was uns außerdem noch gefallen könnte. “Was das Ganze bringt? Zunächst Profit. Der anonyme Käufer auf einer Einkaufsplattform schaut sich ein Parfum an – und erhält plötzlich die Empfehlung, doch einen Bademantel für Herren zu kaufen”, heisst es im Buch. Wie oft haben wir uns durch itunes-Listen und Amazon-Empfehlungen geklickt und am Ende tatsächlich etwas gekauft, was wir nicht auf dem Einkaufszettel hatten? Computer lenken unser Einkaufsverhalten. Programme speichern unsere Bewegungen im Netz.

In den USA, wo die Datenschutzgesetze nicht so streng sind wie bei uns, gibt es bereits Programme, die für Unternehmen aus den verschiedenen Facebook-Blog-Amazon-RSS-Feeds eines einzelnen Menschen Profile erstellt und aufgrund von Statistiken errechnen, wie unser weiteres Leben verlaufen wird. Ist dieser Mensch ein nützlicher Arbeitnehmer? Wird er vielleicht an Depressionen erkranken? Worauf lassen seine Hobbies schließen? Es ist erschreckend. Der Ausweg: Statistiken misstrauen. Wir sind alle Individuen. Wir dürfen den Rechnern nicht erlauben, etwas über unsere Zukunft zu behaupten. Und wir machen es allein in Datingportalen viel zu oft. Nur: Darf ein Programm unsere Liebe errechnen? Wollen wir das? Rechner bieten Fakten. Aber es ist die Unsicherheit, die uns bewegt.

Bei einem Versuch wurden zwei Gruppen ein Gegenstand vorgelegt. Der einen Gruppe wurde mitgeteilt, was sie vor sich liegen hätten sei “auf jeden Fall” ein Kauspielzeug. Der anderen Gruppe sagte man, die sei “vielleicht ein Kauspielzeug”. Dann wurden Fragebögen und Bleistifte verteilt. Als beide Gruppen angefangen hatten zu schrieben, riefen die Wissenschaftler entsetzt: “O nein, wir haben Ihnen die falschen Anweisungen gegeben. Wir haben aber keine Formulare mehr und auch keinen Radiergummi. Was sollen wir jetzt tun?” Die erste Gruppe brach den Versuch ab. In der zweiten Gruppe, die zuvor verunsichert wurde, durch das “vielleicht”, versuchte, das Problem zu lösen. ”Sie schauten sich das Kauspielzeug genauer an und benutzten es als Radiergummi.” Sie wurden kreativ. Ultimative Wahrheiten, wie sie uns von Computern und dem Internet ständig präsentiert werden, lassen uns fahrig werden. Google weiss nicht alles. Und wir müssen nicht alles kennen, was Google irgendwo im netz an Infos findet. Denn: “Es gibt Äonen von Gedanken, die wir in dieser Sekunde mit einem einzigen Knopfdruck abrufen können. Aber kein Gedanke ist so wertvoll und so neu und schön wie der, dessen erstes Flügelschlagen wir gerade jetzt in unserem Bewusstsein hören.”

Frank Schirrmacher: “Payback”, Blessing, 240 Seiten, 17,95 Euro

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