Zum sechszigsten Geburtstag beschenkt sich der 1966 geborene sächsische Lyriker Volker Sielaff selbst mit „Fragen an den Yeti“ (der Satz wirkt erst, wenn man ihn laut vorliest) – und wir folgen Nasima Sophia Razizadeh in die „Entschwebung“. Eine Sendung mit Alexandru Bulucz und Maren Jäger.
„Ich reiße mir die Flügel aus, / das Flügelpaar, das Rabenhaar. / Der Engel hört den Dämon stammeln“, schreibt die 35-jährige Nasima Sophia Razizadeh – und entwirft das poetische Protokoll einer (ihrer?) amourösen Entrückung. Eine lichterloh brennende Liebhaberin (oder ein Liebhaber) wird vorgestellt, eine hypersensible, in „Fiebertraumreigen“ dichtende Person, die eine zurückliegende Beziehung erinnert. Diese oszillierte zwischen Beruhigung („In deiner Hand ist es dunkel, / ich stirne nach ihr“), histrionischem Ausbruch („Es hat Schreie geschneit, / nachtüber“) und Borderline-/Ikarus-Augenblicken: „Gehe ich, so / geh ich bis zum höchsten Punkt, und / lasse ich mich hinab, / den Punkt wieder zu verlassen, so / nur, indem ich renne“. Die andere, die liebende Gegenperson wird idealisiert („Du bist ein Gespräch mit den Sicheln, / bist Erdung und Sprengung, / bist jähe, silberne / Verschränkung, Verquickung, ich / weiß, deine Hand braucht meine Stimme nicht“). So vollzieht dieser Band eine Bewegung vom Schweben der ersten Wochen hin zur finalen Entschwebung, geht von der Leidenschaft zur Trennung, von der „Verflochtenheit“ zur Liebesklage: „so träume ich allnächtlich / nur nach, was war.“ Diese Beziehung endet, wie so viele, in Melancholie. Das lyrische Ich dröselt sodann die Liaison auf, entwebt es wie Penelopes Tuch in Homers „Odyssee“. In der Melancholie gibt es „das Vergessen in der Erinnerung / an die langsame Entkleidung unserer Körperteile, / verschachtelt ineinander, / Gespenst an Gespenst“. Das alles im dunklen Slang, der an Martin Heidegger („Etwas ist entborgen“) erinnert, an Rilke in Razizadehs Gedicht „Rodins Traum: Jardin de Rodin“, an Stefan Georges totgesagten Park („Komm, in den Schlaf, den Fraglosen, / den Schlaf, in dem wir aus weißen Kelchen trinken“). Hier erzählen „die ausgeleerten Gefäße / in dunklen Sätzen / von einem Morgen zu zweit, / von unvertraut gewordenen Händen, / von unbrauchbar gewordenen Gegenständen, / von Gegnerständen, von Gegnerhänden, / von Widerständen, an denen das Haar zerbrach“, seufzend: „Der Ausschank – der Einwand. / Ein Atem waren wir.“ Nasima Sophia Razizadeh: „Entschwebung“, Wallstein, Götting, 142 Seiten, 22 Euro
Tarantelgedichte aus der DDR
„[I]ch liebe Sachen, / die so gut sind, dass sie keiner sieht; Rimbaud / wurde übersehen, Van Gogh wurde übersehen, / und noch zwei, drei andere“, schreibt Volker Sielaff, der sich vielleicht auch übersehen fühlt, wie so viele Dichter – und sich mit „Fragen an den Yeti“ ein besonderes Geschenk zum sechzigsten Geburtstag macht. 1966 wurde Sielaff im sächsischen Großröhrsdorf geboren. 2003 debütierte er im Verlag zu Klampen. „Postkarte für Nofretete“ hieß dieser erste Band, auf den zahlreiche weitere folgen sollten, darunter „Barfuß vor Penelope“ 2020 oder „Ovids Würfelspiel“ 2023. Nun fragt er den Yeti: „Ist das Erdbeergelee oder eine Torte / von Somerset Maugham?“ und rätselt: „Muss man immer eine erste Zeile haben, / um sich eine zweite ausdenken zu können? / Bin ich der Vater oder die Mutter dieses / Gedichts? Warum heißt es, wie es heißt?“ Er schaut wehmütig zurück, erinnert sich an die DDR und an seine verstorbene Mutter, die in der Schule geputzt hat – ebenso an eine westlich wirkende Mitschülerin, die alle begehrten: „Ich sage nichts / zur vergessenen Brotbüchse, / zum ausgebeulten Turnbeutel / und dem Halstuch, das wir nach dem Appell / sofort in unsere Hosentaschen knüllten.“ Es sind ungekünstelte, kaum verdichtete Prosa-Miniaturen mit Zeilenumbruch, dazwischen Huldigungen offensichtlicher Vorbilder wie Sylvia Plath, Derek Walcott, Djuna Barnes, Emmy Hennings („Bist die Frau vom Mann, / mit dem Dada begann. / Und bist doch unendlich viel mehr.“). Der beinahe hundertjährige Beat-Poet Lawrence Ferlinghetti radelt vorbei „auf seinem Leihfahrrad“ und steht neben Horaz: „kein Wort / erfahren wir von dir: / Einzig Orbilius, / deinen den Rohrstock schwingenden / Lehrer, erwähnst du in den Episteln.“ Dass Philosophen „Nous-Knacker“ sind, bemerkte Odo Marquardt. “Gedichte sind harte Nüsse, denen man nachjagt”, mutmaßt hingegen Volker Sielaff, der sich so ins poetische Eichhörnchen verwandelt und pfeilschnell durch die Wälder huscht, mit allerlei Blödsinn im Kopf: „und kann man eigentlich noch / Tarantel sagen? Können Finger schmelzen, kann Butter / steif werden?“ Volker Sielaff: „Fragen an den Yeti“, edition AZUR / Voland & Quist, Berlin-Dresden, 116 Seiten, 22 Euro
