Rezension: Always Malaise

„Jeder kennt Fall. Jeder liebt sie.“ Colin McAdam erzählt in seinem zweiten Roman von einer jungen Schülerin, die am kanadischen Eliteinternat St. Ebury gleich zwei Diplomatensöhnen den Kopf verdreht – dem introvertierten Gewichtheber Noel und seinem draufgängerischen, coolen Mitbewohner Julius.

Für Noel wird es für immer eine Fernliebe bleiben, denn Fall ekelt sich ein bisschen vor ihm und seine Annäherungsversuche fruchten in keinem Augenblick, während Julius‘ ihn teilhaben lässt, in erotischen Worten, an dieser Love-Story: „Manchmal konnte ich mich beiden nahe fühlen, in beider Leben treten, wenn er bestimmte Szenen beschrieb, manchmal aber ertrug ich seine krausen Intimitäten gar nicht, konnte sie nicht recht glauben.“ Noel ist zu bedauern, seine Sehnsucht 380 Seiten lang grenzenlos, dieser Roman ein einziges, sehnsuchtsvolles Protokoll ständiger Demütigung, Sehnsucht, unerfüllter Liebe.

„Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich hätte Julius viel von mir erzählt. Ich war eher still und wartete, bis er ein Gespräch begann. Gelegentlich erwähnte ich Dinge, die ich gerade las, Passagen, die ich interessant fand. Diverse Leute kamen ins Zimmer und gingen wieder. Es gefiel mir, wenn Julius und ich als geschlossene Einheit betrachtet wurden, wenn die Leute sagten: ‚Ich bin an eurem Zimmer vorbeigegangen, aber Julius war nicht da.'“

Hier zeigt sich, dass Colin McAdams Roman nicht nur die Liebe zu einem Mädchen erzählt, sondern auch die Geschichte eines nie stattgefundenen Coming-Outs, denn Noel liebt nicht nur „Fall“, er liebt auch Julius, seinen Mitbewohner, er will eins sein mit ihm. – Doch dieses nie passierendem doppelte Coming-Out gegenüber Fall und Julius ist nur  eines von vielen Mysterien, nicht das Einzige, was verschwindet. Denn eine Figur wird plötzlich vom Erdboden verschluckt sein, es wird einen Todesfall geben, eine furchtbare Tat – die mit Julius, Fall, Noel zusammenhängt. Ein rätselhaft-schönes Buch über erste Liebe und ganz viel Angst, über das Unheimliche in uns allen und über das Erschrecken, wenn wir plötzlich wie rasend lieben – und nicht zurückgeliebt werden.

Colin McAdam: „Fall“, übersetzt von Eike Schönfeld, Wagenbach, 392 Seiten, 24,95 Euro / Das Taschenbuch ist bei btb erschienen

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