Rezension: Von Abba bis Zappa

Friedhelm Rathjen ist Melville- und Joyce-Übersetzer, ein Nerd. Er hatte hier schon mehrere Auftritte, unter anderem im Kassettendeck. Jetzt bringt er in der eigenen „Edition ReJoyce“ einen skurrilen Sammelband über „Literatur und Rockmusik“ raus, der in Netzzeiten besonders rührend wirkt. Und: Er bietet zum letzten Mal die Chance, „Von Abba bis Zappa“ zu schreiben.

Heute erstrecken sich Rocklexika von Accept aus Solingen bis The Zutons aus Liverpool (es gibt auch die Listung 10cc bis ZZ Top). Fernab unterschiedlicher Wikis gibt es nun dieses Buch von Friedhelm Rathjen, das als gedrucktes Wiki Musiker und Buchstellen zurodnet, untereinander verlinkt, auf 168 Seiten. Ausgedrucktes Internet, so schaut es aus: „Fry, Stephen: The Beatles, Elvis Costello, The Damned, Gary Glitter, Jethro Tull, Pink Floyd, The Police“, manchmal mit Artikel, wo dann Prince als Mittel gegen den Schlafreiz vorgestellt wird (bei Claudia Dörinmg) und Herbert Grönemeyer bei Michael Lentz‘ „Liebeserklärung“ auftreten darf.

Friedhelm-Rathjen+Poets-Books-Rock-n-Roll-Literatur-und-Rockmusik-ein-Alphabet-querbeetDer Reiz des Buches liegt 2013 darin, dass selbstverständlich die meisten Bücher und Musiker fehlen, man sich also in eine Fernsehquizshow versetzt sieht, in der man ohne zu schwitzen vorm Kandidaten ausrufen darf: „Ich weiss was!“ Oasis fehlen, weil Benjamin von Stuckrad-Barre fehlt (der auch über Grönemeyer geschrieben hat), Bret Easton Ellis und das U2-Erlebnis von Patrick Bateman in American Psycho: Fehlanzeige. Als Wiki-Anfang wäre dieses Buch interessant, man könnte es erweitern. So erinnert es mich eher an die Wortverzeichnisse, die Germanisten früher in jahrelanger Kleinarbeit zusammengesammelt haben (wie oft kommt „Schlumpf“ in Goethes Werken vor?). – Aber als Samstagsnachmittagsunterhaltung ist „Poets, Books & Rock ’n‘ Roll“ die bessere Alternative zu den aktuellen Wissensspielsendungen. – Mehr über den Autor, den ich wirklich sehr schätze: Friedhelm Rathjen wurde 1958 in Westerholz bei Scheeßel geboren und ist Herausgeber der 1972 gegründeten Zeitschrift „Bargfelder Bote“.

Er hat Publizistik, Germanistik und Anglistik studiert. 1983 begann er, als Literaturkritiker zu arbeiten. Seit 1989 ist er literarischer Übersetzer, unter anderem von Jonathan Ames, James Joyce, Herman Melville, Tom Murphy, Gertrude Stein, Robert Louis Stevenson und Mark Twain. Als Literaturwissenschaftler hat er sich intensiv mit Leben und Werk von Samuel Beckett, James Joyce und Arno Schmidt beschäftigt und ist einer breiten Öffentlichkeit vor allem durch seine rororo-Monographien über Joyce und Beckett bekannt. Ende 2009 ist Friedhelm Rathjens Dokumentation „Von Get Back zu Let It Be. Der Anfang vom Ende der Beatles“ bei Rogner & Bernhard erschienen. 2007 schrieb Hans Wollschläger nach Lektüre eines Textes des Buchs „Vom Glück“ (Rathjens Prosa von 1983-1989): „Ihren WART habe ich mit ausschweifender Phantasie gelesen: ein schönes, hintersinniges Stück Prosa.“

Friedhelm Rathjen: „Poets, Books & Rock’n’Roll“, EDITION ReJOYCE, 168 Seiten, 17 Euro / Das Beitragsbild ist von Wikipedia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.