Norbert Gstrein brilliert mit einem Buch, das einen Neuanfang wagt. „Im ersten Licht“ ist die Geschichte eines Mannes, der den Krieg verherrlicht – weil er ihn nie erleben musste. Der österreichische Großschriftsteller hat ein Buch der Stunde geschrieben.
Österreich lag einst am Meer. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war die große Halbinsel Istrien Teil der k.u.k-Monarchie mit Städten wie Triest, Pula und Opatija. Mit der Kriegsniederlage zerfiel das Donaureich in zahlreiche Einzelstaaten. Die österreichische Riviera war Geschichte, der Zugang zum Meer perdu, damit auch die Marine, deren Schiffe an die Siegermächte überstellt wurden. „Wir hätten das Meer nicht verlieren dürfen.“
Dieser Satz fällt früh in Norbert Gstreins Historienroman „Im ersten Licht“, der von 1920 ausgehend die Geschichte des kriegerischen 20. Jahrhunderts erzählt – und nebenbei spekuliert, wie anders auch die österreichische Literatur hätte aussehen können, wenn das Land seinen Zugang zum Meer behalten hätte. Darauf weist Norbert Gstrein im Gespräch selbst hin: „Eine urbanere Literatur vielleicht von Nachkommen der vertriebenen oder ermordeten Juden.“
Faust von der Post
Adrian heißt der Held des Romans „Im ersten Licht“. Der Name erinnert nicht nur an Adrian Leverkühn aus Thomas Manns „Doktor Faustus“, sondern eben auch an die verlorengegangene Adria. Er ist somit die Verkörperung eines Mangels – und vom Mangel handelt dieser Roman auf vielen Ebenen. Adrian, mit Nachnamen Reiter, ist 1901 geboren und zu Beginn der Handlung 19 Jahre alt. Er lebt an einem See in der Nähe von Salzburg und arbeitet als Hotelrezeptionist – ein braver Diener, der sich mit seiner niederen Position identifiziert.
„Schließlich war er der Sohn seines Vaters und wusste, wohin er gehörte, er war der Sohn eines Postbeamten und lieber auch noch stolz darauf, als sich einzugestehen, er könnte das jemals vergessen oder sich deswegen aus der Fassung bringen lassen.“
Obwohl Adrian zunächst wie ein Mann ohne nennenswerte Eigenschaften charakterisiert wird, wirkt er mehr und mehr wie ein Sonderling. Die moderne österreichische Literatur kennt zahlreiche dieser Käuze, von Robert Musils Möglichkeitsmensch Ulrich über Peter Handkes Kaspar bis zu Thomas Bernhards Privatgelehrten Atzbacher.
Nie im Krieg gewesen
Und bereits die Hauptfigur in Norbert Gstreins Debüt „Einer“ lebte im gesellschaftlichen Dunkelfeld. Der im neuen Roman gleichsam am Rand stehende Adrian ist gekennzeichnet durch ein körperliches Gebrechen. Seit einem zunächst nicht näher beschriebenen Unfall ist er gehbehindert. Sein Hinken hat ihn während des Ersten Weltkriegs vor der Einberufung bewahrt. „Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen, aber dreimal im Lauf seines Lebens hatte er mit jungen Männern zu tun, die im Krieg gewesen waren und die dann sein weiteres Leben jeweils für lange bestimmten.“
Der Hoteldiener hat selbst nie dort gedient, wo die Mitmenschen seines Alters ihre lebensprägenden Erfahrungen gemacht haben. Er kennt weder die Schlachtfelder, noch hat er je einen Orden erhalten. Ihm fehlt die Angsterfahrung während der Gasattacken, die Furcht bei nächtlichen Wachen, bang geduckt hinter der Grabenkante. Ihm fehlt die soldatische Kameradschaft. „Adrian war selbst nicht im Krieg gewesen“, obwohl seine Erscheinung das Gegenteil vermuten lässt. „Schließlich hinkte Adrian ja wie einer der Kriegskrüppel, die immerzu in den Straßen zu sehen waren und um Almosen baten.“
Reiter und Kavallerie
Aus dieser Prämisse der Nicht-Erfahrung gestaltet Gstreins Roman das Porträt einer Figur, die vom Krieg affiziert ist. Den Ersten Weltkrieg betreffende Informationen memoriert Adrian mit erstaunlichem Erkenntnisinteresse. Er kann von jedem Kriegsjahr exakt sagen, wie viele Männer, wie viele Pferde und wie viele Kanonen die jeweiligen Parteien zur Verfügung hatten. Er kennt die Anzahl der Granaten und wie viele Tonnen Verpflegung für eine sechswöchige Kampagne notwendig waren.
Vor allem ist Adrian Reiter ein Experte der kaiserlichen und königlichen Kavallerie mit ihren berittenen Offizieren, die bereits 1914 gestrig wirkten, die er deshalb auch ursächlich verantwortlich macht für die spätere Niederlage – und den Verlust der Hafenstädte. Dass hinter dieser Verächtlichmachung auch eine Spur Selbsthass steckt, darf man vermuten. Auf Zeitgenossen wirken seine Erzählungen vom „Great War“ hingegen authentisch:
„Man hat das niedergeworfene Land nach einer Schlacht vor Augen, wenn man Sie erzählen hört. Man sieht ganze Straßenzüge in Ruinen und brennende Gehöfte in der Ferne. Man kann den Pulverdampf riechen, der sich noch nicht verzogen hat, und hört die Stille, die sich nach einem tagelangen Bombardement in alle Himmelsrichtungen ausbreitet wie eine anhaltende Bedrohung. Man hat den Verwesungsgestank aus dem Niemandsland in der Nase.“
Im Invalidenheim am See
Den ersten und für seine persönliche Entwicklung wichtigen Mann des Krieges lernt Adrian 1920 kennen, als er in besagtem Hotel am See arbeitet. Dieser Soldat ist – wie so viele – gebrochen aus der Schlacht zurückkehrt. Er vegetiert mit einstigen Kameraden in einer zum Invalidenheim umgewidmeten See-Villa.
Das Wasser, es wird in mehrfacher Hinsicht bedeutsam in diesem Roman, steht mal für eine Art paradiesischen Urzustand, der unrettbar verloren ist, dann wieder für die Möglichkeit der Reinigung und Heilung, wenn die Kriegsversehrten während eines ausgelassenen Badeausflugs für einen Moment ihre Traumata zu vergessen scheinen, als sei das Wasser auch dies: der ins Tröstliche umgedeutete Unterweltfluss Lethe, der die Erinnerung an eine (traumatische) Vergangenheit ausspült und die Möglichkeit der Liebe (auch zu sich selbst) eröffnet. Adrian kümmert sich aus Mitleid, Neugier und ungestillter Kriegslust, später auch aus Vorteilsgewinnung um den jungen Herrn.
„Er, Ernest Eller, der das zweite ‚e’ in seinem Namen seiner englischen Mutter zu verdanken hatte, hatte verlangt, dass man ihn für tot erklärte, und der Grund war, dass er mit seinem Gesicht seiner Verlobten nie mehr unter die Augen treten wollte.“
Frau Baronin ist dankbar
Ein schweigsamer Mann ist dieser Eller, der aus Takt und aus Schamgefühl nur die engsten Familienmitglieder in sein beklagenswertes Schicksal eingeweiht hat. Er wird von seinen reichen adeligen Eltern unterstützt. Sie bauen das Invalidenheim am See, unternehmen alles Menschenmögliche, um ihrem Sohn beizustehen. In dieser elterlichen Unternehmung wird Adrian zum Werkzeug. Ernests Eltern schätzen die Freundschaft zwischen ihm und dem Sohn, den sie ausgerechnet beim gesellschaftlich Niedriggestellten in guten Händen wähnen.
„Die Frau Baronin ist Ihnen sehr dankbar, dass Sie sich um ihren Sohn kümmern. Sie möchte sich erkenntlich zeigen. Auch bittet sie Sie innigst, weiterhin achtzugeben auf ihn.“
Dies sagt der Vater von Ernest. Adrian kann später mit der Unterstützung der Ellers in Wien studieren und schließlich eine Anstellung als Geschichts- und Englischlehrer annehmen. Dass die Ellers sich so um ihn kümmern, liegt auch daran, dass ihr eigener Sohn zu dieser Zeit bereits verstorben ist. Der hatte eines nachts die Invalidenvilla in Brand gesteckt und eine Pistole gegen sich selbst gerichtet. Sein Bruder hatte das Leben von Ernest längst übernommen, dessen trauernde Verlobte geheiratet und mit ihr eine Tochter bekommen. Damit ist viel gesagt, aber nichts verraten.
„Meine Romane leben nicht davon, dass man den Spoilereffekt vermeidet“, bemerkt Norbert Gstrein, und tatsächlich ist die enorme Anziehungskraft dieses Epos nur teilweise durch den Plot erklärbar, der so lesbar gestaltet ist wie selten zuvor bei diesem Autor, ohne dabei auf poetologische Tiefe zu verzichten.
Vom Vater zum Krüppel geschlagen
Der Roman hat aufgrund seiner souveränen Durchformung die narrative Wucht der größten Historienromane der vergangenen zwanzig Jahre wie Hans-Magnus Enzensbergers „Hammerstein“, Norbert Scheuers „Winterbienen“ oder Monika Zeiners „Villa Sternbald“ aus dem Jahr 2024. Einer der Gründe für diese Wirkung liegt auch in der Drastik des Geschilderten, die konterkariert wird durch die Gstrein-typischen, sehr langen Satzbögen, die selbst dem Zerbrechenden einen fahlen Anschein von Ganzheit geben – wie in jener Szene, die erläutert, wie der vermeintliche Unfall Adrians geschehen konnte; kurz vor seiner Einberufung. Denn sein eigener Vater hat ihn zum Krüppel geschlagen.
„Er wollte das Risiko nicht eingehen und untätig zusehen, wie vielleicht bald auch sein Sohn durch den Fleischwolf gedreht wurde, und schon gar nicht, weil längst niemand mit auch nur einem Funken Verstand mehr an einen guten Ausgang des Krieges glaubte, und also kam ihm das frühe Holzmachen für den Winter gerade recht, bei dem er Adrian die Axt in den Unterschenkel schlug. Ein Unfall oder auch nicht, es gab keinen Zweifel, was geredet wurde: ‚Ein goldener Hieb’, und seither hinkte Adrian, weil die Wunde schlecht verheilt war.“
Der goldene Hieb – parallel zum sogenannten „Heimatschuss“, den der britische Schriftsteller und Erste-Weltkriegsveteran Robert von Ranke-Graves in seiner Autobiographie „Strich drunter“ beschreibt. Der „Heimatschuss“ meint jene Verletzung, die einen sofort von der Front heimreisen lässt.
„Ich habe in den 90er Jahren immer wieder einmal Wochen, auch ganze Monate in London verbracht. Und bin in der Zeit immer weniger an den ziemlich großen Regalen über den großen Krieg, wie er in England heißt, vorbeigekommen, die es in jeder Buchhandlung gibt. Und dann war ich sehr früh ein Leser von Robert Graves, aber auch beispielsweise einer von den Kriegsgedichten, den Antikriegsgedichten von Wilfred Owen, Siegfried Sassoon. Und ich hatte schon sehr früh den Wunsch, also im Grunde vor 30 Jahren, selbst etwas darüber schreiben zu wollen, auf der Basis des Gelesenen.“
Neue Form der Kriegsprosa
Der britische Schriftsteller Robert von Ranke-Graves, Jahrgang 1895, hat in zwei Gedichtbänden – darunter „Over the Brazier“ – und in seiner Autobiographie „Goodbye to All That“, auf Deutsch: „Strich drunter“, Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg verarbeitet. Es waren Schriftsteller wie Graves, die einen neuen Ton etablierten, eine postheroische Form der Kriegsprosa – die seinen neun Jahre älteren Kollegen Siegfried Sassoon irritierte: „Ich war gerade dabei, meinen ersten Gedichtband Over the Brazier druckfertig zu machen. Ein paar Auszüge davon hatte ich in meinem Notizbuch; ich zeigte sie Siegfried. Er runzelte die Stirn und sagte, daß man über den Krieg nicht in derart realistischer Weise schreiben dürfe.“
Das berichtet Robert von Ranke-Graves in seiner Autobiographie „Strich drunter“, die von Gräben und Schlachtfeldern erzählt und davon, in welcher Weise Soldaten gedrillt wurden, damit sie sich nicht vor den Gewehrkugeln duckten – „weil jede Kugel, die man hört, nicht mehr trifft“, aber auch von Absurditäten wie den rosafarbenen Armeeformularen, die mit dem Vermerk „Dringend“ kursierten, und die einander widersprechend die Handhabung der Gasmasken erläuterten.
Einige Szenen aus Graves’ „Strich drunter“ werden in Norbert Gstreins Roman dezent zitiert, und sind durch die Hauptfigur selbst gedeckt. Denn Adrian Reiter verschlingt die gesamte Kriegsliteratur. Graves wird dazugehört haben. Das Angelesene vermittelt sich passend zum Erleben Adrians. Dies auch deshalb, „weil ich immer noch dem Erzählen, zumal dem naiven Erzählen, nicht wirklich vertraue. Man kann diesen neuen Roman ‚Im ersten Licht’ ja sehr lange als sehr konventionellen Roman lesen. Man kann daran Vergnügen finden, dass man eine Lebensgeschichte linear erzählt bekommt. Entscheidend für mich ist dann aber der allerletzte Abschnitt, in dem darüber nachgedacht wird, wie dieses Erzählen überhaupt zustande kommt. Woher weiß der Autor, der eine solche Geschichte aufschreibt in unserer Zeit, über das von ihm Erzählte Bescheid? Wie kann es ihm gelingen, sich einzufühlen, wenn man so will? Und da hat der Roman eine ganz und gar paradoxe Lösung.“
Unsere Vorfahren waren keine Verbrechen
Obwohl aus den Romanen Norbert Gstreins nicht gespoilert werden kann, soll an dieser Stelle die paradoxe Lösung – und damit der Clou – nicht einmal angedeutet werden. Interessant ist allerdings die Aktualität dieses Unterfangens, das weniger die Erinnerung an den Ersten als die an den Zweiten Weltkrieg betrifft in unserer Zeit der allerletzten Zeitzeugen. Während vonseiten nationalistischer Kräfte längst eine fatale „Strich drunter“-Mentalität propagiert wird, und AfD-Bundestagsmitglied Maximilian Krah im Frühjahr 2025 bei TikTok vor hunderttausend jugendlichen Nutzern insistiert: „Deshalb ehren wir unsere Vorfahren. Wir lassen sie uns nicht schlechtreden. Unsere Vorfahren waren keine Verbrecher, liebe Freunde“ während über die Singularität der Shoah mal wieder debattiert wird, als hätte es den Historikerstreit der 1980er Jahre nie gegeben, machen sich viele Initiativen Gedanken, wie nach dem Ende direkter Zeitzeugenschaft eine mahnende Erinnerung lebendig gehalten werden kann.
In diese neue Herausforderung schreiben sich Bücher wie Götz Alys Studie „Wie konnte das geschehen?“ aus dem Herbst 2025 ein, aber auch Projekte wie „Frag nach!“, bei dem Nutzer Zeitzeugen-Avataren Fragen zum Dritten Reich, zur Judenverfolgung, zu der Zeit zwischen 1933 und 1945 stellen können. Gstrein wählt seinen Weg, um das kollektive Gedächtnis zu trainieren. Er gestaltet Figuren in seinem Roman teils erkennbar nach historischen Vorbildern, etwa nach dem österreichischen Politiker Kurt Waldheim, der vor vier Jahrzehnten im Mittelpunkt einer später nach ihm benannten „Affäre“ stand:
„1986 wurde Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt. Davor gab es eine zu Recht und mit Verspätung losgetretene Diskussion über Kurt Waldheim und sein Verhalten, sein mögliches Beteiligtsein, sein mögliches Zeugesein von Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. (…) Ich habe aus dieser Diskussion einen ganz und gar furchtbaren Satz eines österreichischen Politikers mit in meinen Roman aufgenommen. Und der lautet zur Entlastung von Kurt Waldheim, schrecklich, dass das damals gesagt hat werden können, solange er nicht sechs Juden eigenhändig ermordet hat, sei alles in Ordnung. Das öffnet ja Tür und Tor in den Wahnsinn.“
Pathos der Tat
Im Roman taucht also eine Kurt-Waldheim-Figur auf, und es ist erstaunlich, mit welchem großen psychologischen Einfühlungsvermögen dieser weitere Mann aus dem Krieg literarisiert wird. Es lässt sich mitverfolgen, wie Misstrauen gegenüber geschichtlichen Fakten, gegenüber Lehrmeinungen umschwenkt in ein Pathos der Tat, denn da desavouiert ein Schüler alle Aussagen Adrians. Stets versteht er gezielt das Gegenteil des Ausgesprochenen und glaubt Adrian nicht einmal das Bekenntnis, er sei nie im Krieg gewesen, er verdanke sein Hinken einem Unfall. Wie selbstverständlich meldet sich dieser Unverbesserliche beim Bundesheer, das später in der Deutschen Wehrmacht aufgehen wird. Und Adrian? Der Lehrer heiratet seine Kollegin Elfriede. Es ist die zweite Frau seines Lebens. Auch sie kann ihn nicht von seiner Kriegsfixierung abbringen. Dies gelingt erst viel später einer dritten Frau.
„Elfriede verließ ihn nur wenige Wochen nach Kriegsende, und Adrian empfand es wie einen Schuldspruch weit über ihre Verbindung hinaus. Von 1939 bis 1945 verheiratet gewesen, oder eigentlich bis 1946, weil die Scheidung formell erst im Jahr nach ihrem Auszug erfolgte. Unglaublich, die Zahlen, unglaublich, die Wucht, wenn man sie aussprach, unglaublich, sie mit einer Ehe in Zusammenhang zu bringen, melodramatisch und banal, und später seine fast schon amtliche Pedanterie, weil es so absurd war, wenn er gefragt wurde, ob er immer schon allein gelebt habe, weil er nicht umsichtig genug war, seine Einsamkeit zu verbergen, und man sie ihm ansah, noch bevor man ein Wort mit ihm gewechselt hatte.“
Meilenstein der Antikriegsliteratur
Auf einer höheren Ebene ist dieser Roman eine Auseinandersetzung mit den Grenzen und Möglichkeiten von Interpretationen, mit Zeichen und ihren Bedeutungsverschiebungen im Lauf eines Lebens. So bezieht sich der Titel „Im ersten Licht“ nicht nur auf jenen Morgenzeitpunkt, an dem im Ersten Weltkrieg die Angriffe und im Zweiten Weltkrieg Erschießungen stattgefunden haben von SS und Wehrmacht, sondern auch darauf: „Es kommt noch einmal, fast ist er schon überbestimmt, eine dritte Bedeutung in diesem Roman, für diesen Titel herein. Es geht da im allerletzten Abschnitt um einen englischen Kriegs-Deserteur und der wird für seine Desertion hingerichtet und das geschieht auch im ersten Licht.“
„Im ersten Licht“ kann auch mit einer berühmten Aussage des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel verstanden werden. Der schreibt in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, dass die Eule der Minerva erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt – dass Erkenntnis also erst nach Abschluss einer Epoche stattfinden kann. Zwischen Licht und Dämmerung oszilliert Norbert Gstreins Roman, permanent das Verhältnis auslotend zwischen dem Sichtbaren und dem Noch-Nicht-Erkennbaren, zwischen dem Verdunkelten und dem falsch Gesehenen. „Im ersten Licht“ ist die Geschichte eines Mannes, der spät erkennt, worin das Glück und worin das Unglück seines Lebens bestanden hat. Es ist die Geschichte einer Gewaltfixierung, eines fehlverstandenen Heroismus, eines Todeskultes, der vom Wahnsinn der Normalität nur mühsam kaschiert wird. „Im ersten Licht“ ist auch die Geschichte eines Jahrhunderts, dessen Lehren in unserer Gegenwart verblassen. „Im ersten Licht“ ist ein neuer Meilenstein der Antikriegsliteratur.
Norbert Gstrein: „Im ersten Licht“, Hanser, München, 416 Seiten, 27 Euro
