Quadratur des Kreises

Pünktlich zum Start der Leipziger Buchmesse erschien Käptn Pengs Debüt „Der unsichtbare Apfel“. Held ist der halbautistische Igor. Der reist in zehn durchgedrehten Träumen von Hirnschale zu Hirnschale und versteht immer eindringlicher, dass Wahn die Welt bunter macht.

„Dieser Satz ist eine Lüge“ – mit dem abgewandelten Paradoxon des Epimedes beginnt „Der unsichtbare Apfel“und zeigt gleich an, wohin die Reise geht. Denn man kreuzt „einfach“ den Kino-Blockbuster „Inception“ mit Alice im Wunderland und streut ordentlich Franz Kafka drauf. Heraus kommt dieser Debütroman von Robert Gwisdek, besser bekannt als Indie-HipHopper Käptn Peng. Das Teil ist aus einer anderen Welt herübergereist. Und diese lässt sich am besten von seiner Homepage „Kreismusik“ aus erklären. Denn der Kreis ist Erkennungszeichen von Robert Gwisdek und seiner HipHop-Crew „Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi“, die mit aussergwöhnlichen Instrumenten (Kuchenblech, alter Koffer, Klobürste), ohne Samples daherkommen und Sachen rappen wie: “Hallo Freunde, hallo Feinde/Hallo Individuum, hallo Gemeinde/Hallo Wölfe und hallo Schweine/Hallo Fink, hallo Star, hallo Meise/Hallo Bäume und hallo Fluß/Hallo Hypophyse, hallo Hypothalamus.“

Der Kreis ist auch auf dem Cover zu sehen. Zusammen mit der Überschrift „Der unsichtbare Apfel“ wird daraus eine stilisierte Frucht und nebenbei der Hinweis: Mit Sprache ist die Welt doppelt da. Ein Kreis wird ein Apfel, wenn man ihn so nennt. Und ein etwas verschrobener Junge avanciert zum Fantasyhelden, wenn man ihn nur lässt. Igor, Protogonist und Leidensgenosse aus „Der unsichtbare Apfel“ kommt eigensinnig wie so viele Fantasyhelden (Harry Potter, Der kleine Hobbit, Bartholomew von Stefan Bachmanns „Die Seltsamen“) daher: “Lange glaubte er, die Welt sei eine unglaublich raffinierte Konstruktion, die vergessen hatte, wofür sie da war. Sie schien verlassen, wie ein Vergnügungspark, dessen Besitzer verschwunden war, dessen Attraktionen aber noch blinkten und der angefüllt war mit Besuchern. Nur diejenigen, die den Park gebaut hatten, waren nirgendwo zu finden.“ Es ist die Lage des Menschen, nachdem der Idealismus die Himmel leergeräumt hat.

Gwisdek_Bild 1Deshalb steht der Kreis ebenso für das verängstigt-diskursive Denken, den im Kreis laufenden Wahn, der erst durch in Linien angeordnetes Schreiben wieder gebändigt wird, durch die Vernunft, die nun ohne einen Gott auskommen muss. Deshalb sind die Kapitelnummern in einer Spirale angeordnet (Bild rechts). Der Kreis ist ebenso das Loch, durch das Igor fällt, das Loch, das ihn zum Kern bringen soll: „Sein Plan war, ein unermeßliches Loch zu graben. Ein Loch, welches so tief war, dass es bis in den Kern der Erde reichen würde. Er hatte eingesehen, dass er nicht in der Lage war, die ganze Welt zu vernichten, sie war zu groß. Aber wenigstens die Erde wollte er zerstören. Er würde graben, bis er den Kern erreicht hatte, um ihn als Geisel zu nehmen, er würde drohen, ihn zu vernichten, wenn die Welt sich nicht erklären würde, er würde ihn auseinanderreißen, wenn sie ihr Rätsel nicht lüften und ihre Schwerter nicht sinken lassen würden.“ Als Igor 23 Jahre alt wird scheinen alle Sicherungen bei ihm durchzudrehen. Denn ab da erlebt der Junge die bizarrsten Szenen, in denen er unter anderem einen Apfel gebiert (die Wehen gehen über mehrere Seiten – einen Ausschnitt zeigt das Bild rechts). Aus dieser Geburt enstehen mehrer Kinder, für die Igor wiederum Unmengen an Essen zubereiten muss (also eine Art Mix aus Schneewittchen, den Alien-Filmen und Der süße Brei). Igor, mit dem Hinweis auf die Brüder Grimm und das Märchenhafte eh an Überfülle gewöhnt spaziert danach durch ein Schlaraffenland und spricht (Thomas von Aquin und der Apfel) mit den Tieren, die ihn von nun an auf seinem Weg begleiten werden.

Gwisdek_Bild_2Er sieht in Kinderaugen, die nur aus Iris bestehen, gerät in einen Krieg zwischen Kreisen und Dreiecken, das ein „Volk von K“(afka) terrorosiert. Der Kreis ist das Perfekte, das Dreieck das Stabilste (dreibeinige Hocker wackeln nicht) und doch ist klar, was den „Spekulativen realismus“ neuerdings wieder umtreibt: „Früher oder später wird alles zusammenbrechen, was versucht, nicht zusammenzubrechen.“ (Verdammte Entropie). „Der Krieg zwischen den Kreisen und den Dreiecken ist alt und geht weit über dioeses Gebäude hinaus. Es erstreckt sich über Epochen.“ Natürlcih dnekt man hier automatisch an „Flatland“ von Edwin Abbott Abbott.

Das Ganze wird als lange Reise beschrieben, als sei Igor durch ein Loch gefallen und in einer Parallelwelt aufgewacht, durch die er nun gehen muss. Aber eigentlich ist klar, dass das hier nur eine Reise durch die Phanatsie sein kann. Passenderweise bekommt Igor als ständigen Begleiter einen magischen Kreis hinzugestellt, der hinter seinem Rücken das „Tor ins Nichts“ offen hält. Klar, auch das kann ein Kreis sein: Apfel, Loch, Tor ins Nichts. Igor wird irgendwann aufgeklärt und kommt dem Rätsel langsam näher: „Es sind nicht meine Bilder, es sind die deinen. Auch der Wald gehört dir und dieses Haus, ist dein Haus, Igor. Es ist besetzt, kaputt und in viele deiner einer eigenen Räume traust du dich nicht einmal selbst. Wie lächerlich – du befielst der Welt, sich dir zu zeigen, bevor du Dich überhaupt ganz selbst zu sehen erträgst. Reparieren musst du dein Gebäude. Aufräumen musst du es, bevor es leer genug ist, um etwas Großes wie die Welt in sich zu beherbergen.“

Ab da wird aus der abgedrehten Reise ein Aufgabenmarathon. Igor muss sich seinen eigenen Ängsten stellen. „Als Igor nicht mehr konnte, ließ er die Hoffnung fahren. Was sollte er auch hier? Das Ganze war ein Fiebertraum und je eher er verging, desto besser. Es war doch kein Reim auf all das zu finden.“ Auch hier erinnert „Der unsichtbare Apfel“ an die großen Epen von früher und jetzt. „Der Herr der Ringe“ erzählt auch nicht nur von der Flucht nach Mordor, sondern auch vor dem Unheimlichen und Verdrängten in uns selbst. Und „Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren“ ist natürlich ein Verweis auf Dante Aligheris „Göttliche Komödie“, die nicht nur eben so beginnt, sondern am Ende auch durch die neun Himmelspähren des Paradises (Paradiso) führt, aber ebenso in die Hölle, das Fegefeuer, einem ausweglosen Labyrinth gleich.

In ein Labyrinth, in dem sich, hier an Borges, Foucault, die 1000 Plateaus erinnernd, auch Igor irgendwann verirrt: „Es erstreckte sich wie ein monströser Termitenbau in Abertausenden Gängen, Hallen, Treppen und Rohren tief in die Erde und offenbarte immer mehr seine raffinierte Funktionalität. Im Gegensatz zu den verfallenen Außenbereichen schien hier alles von einer großen Systematik. Es gab geburtenstationen, Räume, in denen seltsame Tiere gezüchtet wurden, Gefängnisse, Schulen und sogar Krankenhäuser. Einige Räume waren abstrakt und drehten sich in fraktalen Mustern um sich selbst, andere waren symmetrisch und sakral.“

Kiwi Muster komplett 2013.inddGenauso ist es in Robert Gwisdeks brilliantem und vor allem mutigen Debüt: „Immer wieder waren Türen mit Absperrband verklebt und als Igor einen unbeobachteten Moment abpasste, um eine von ihnen zu öffnen, und sich darain umsah, erstarrte er. Er blickte in einen Saal, der wie ein stillgelegtes Klassenzimmer aussah, und in ihm schwebte, leise brummend, ein riesiger Kreis.“ Unheimlich – und gut. Irgendwann wir Igor zurückkehren. „Seine Eltern weinten, als er plötzlich vor ihrer Tür stand und erwürgten ihn fast mit ihrer Umarmung. Sie schimpften ihn bitterlich aus und auch er freute sich sehr, sie zu sehen. Über sein verbleiben in den vergangenen Monaten sprach er nicht gern und nur sehr einsilbig, deutete aber immer wieder an, dass alles gut gewesen sei und sie sich keine Sorgen zu machen brauchten.“

Robert Gwisdek: „Der unsichtbare Apfel“, Kiepenheuer & Witsch, 358 Seiten, 12,99 Euro

„Dass Realität nur ein Traum ist“ – hier geht es zum YouTube-Kanal von Kreisfilm und  Käptn Peng

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