Weil sie sowieso trank…

„Glaubwürdig und erschreckend. ‚Drei unbeschwerte Tage‘ ist Max Kerstings vielleicht spannendster, in jedem Fall sein bisher provokantester Roman.“ Wenn Möbelmagnat Rafael Horzon urteilt, folgt die Regale füllende Community. Dieses Buch ist wichtig.

Der 30-jährige Designer Max Kersting (1983 in Lippstadt geboren, Studium 2002-2008 in Düsseldorf) zieht seit Jahren über Flohmärkte und sucht nach alten Fotografien: Kirmesszenen, zwei große Felsbrocken im Sand, verblasste Frauen mit Modern-Talking-Frisur, wie sie während einer trostlosen Feierlichkeit in die Kamera prosten. Es ist der übliche Ramsch, der mit Fotoecken versehen in Omas Kunstlederalben steckt und schon allein durch seine schiere Existenz beweist, dass zu keiner Zeit alles gut gewesen sein kann. Oder anders, vielleicht mit Kierkegaard gesprochen: Jene Menschen, die sich am glücklichsten wähnen, sind die Elendigsten.

Wenn an trüben Nachmittage diese Alben im Familienkreise rotieren, beisst sich der höfliche Enkel freilich auf die Lippen und kommentiert keinesfalls Muttis Bikini von 1974, die Versuche von Papa, 1983 wie Tom Selleck in Magnum auszusehen (erster Fehler: Mutti an seiner Seite), oder in Anlegung an Pierre Bourdieu an Zusammenhänge zwischen der 70er-Jahre-Sofagarnitur und der sehr geringen Akademikerdichte daheim zu reden.

Anders Max Kersting: Der Diplomdesigner schreibt mit Edding und Tipp-Ex surreale Kommentare auf seine Fundstücke: vom grotesken Scherz („Weil sie sowieso trank, trank sie auch einen auf Dich“) bis zum anrührenden Papierschifffchen, dass er in einen Fluss setzt, kurz vorm Wasserfall. 2011 postete er das erste Foto in seinem Facebookaccount – mit einem darübergemalten Tipp-Ex-Kommentar. Die Kleinkunstwerke gingen durchs soziale Netzwerk und landeten später beim neu gegründeten Metrolitverlag, der einen kleinen, sehr unterhaltsamen Bildband zusammenstellte.

Die einen mögen es Mitbringselbuch, die anderen Kommunkationsdesignstudie nennen. Vielleicht wird „Drei unbeschwerte Tage“ am treffendsten dadurch charakterisiert, dass Rafael Horzon das Teil für einen Roman hält, da braucht man in der Tat keinen Bourdieu mehr, keinen Kierkegaard, nicht einmal Gerard Genettes Palimpseste – und doch denkt man die ganze Zeit daran. Grandios.

Max Kersting: „Drei unbeschwerte Tage“, Metrolit, 64 Seiten

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