Töten und Verletzen

Mit „Kanak Sprak“ und der Romanbiographie „Leyla“ hat sich der deutsch-türkische Autor Feridun Zaimoglu in die Bestsellerlisten geschrieben. Sein neues Buch „Isabel“ erzählt wieder von einer Frau – im untersten Bereich Berlins.

„Ratten fraßen Ratten, Liebe ging zu Ende, Liebende lagen wie glühende Leichname nebeneinander. Nach drei Jahren und zwölf Tagen war das Licht erloschen.“ Auf diese Weise geht direkt auf der ersten Seite eine Beziehung kaputt und stößt die Heldin Isabel in den Schmutz. Die ehemalige Gelegenheitsdarstellerin zieht bei ihrem Freund aus, und kutschiert ihre Habseligkeiten mit der Straßenbahn zum Alexanderplatz, wo sie nun „auf Platte“ macht, also in einem der alten Osthochhäuser einzieht, die zu DDR-Zeiten chic waren, dann leerstanden, irgendwann cool wurden (die Popgruppe „Echt“ mit „Weinst du“ und Coca Cola drehten dort Videos), nun wieder für die Unterschicht stehen. Randbezirke nahe Berlin Mitte. „In diesem Haus muss man die Regeln peinlich einhalten. Alkohol, Drogen – verboten. Laut fluchen, schreien, unanständige Lieder singen – verboten. Schlimm wird’s erst, wenn ein Penner eine Frau belästigt.“

Isabel lebt zwischen irren Weibern, die ihre Plastikpuppe säugen, zwischen Strichern, die in Kellern anschaffen und Transvestiten wie Herbert, der seinen gepimpten Körper als Ausstellungsfläche und Sexmaschine hergibt: „Geblümter Hausfrauenrock, der straffe breite Bund teilte den Bauch in eine große untere und in eine kleine obere Hälfte. Herbert blieb trotz Schminke und Verkleidung ein Mann, er wusste es und rasierte sich deshalb nicht jeden Tag.“ Isabel richtet sich nicht wirklich ein und strengt sich kein bisschen an, um ihre Lage zu verbessern. Sie wird ständiger Gast von Suppenküche und Kleiderkammer. „Du rennst von einer Notaufnahme zur nächsten, Mädchen“, wird man ihr irgendwann sagen und auch ihre türkischen Eltern sind mehr als besorgt: „Was sollen wir denken? Du nimmst von uns kein Geld an. Du verkehrst mit Obdachlosen. Du schaffst dir eine Hündin an, die bestimmt vor großen Ratten flüchtet.“

Dass die Heldin Türkin ist wird hier nicht mehr oder weniger wichtig genommen als ihre Größe, ihren Musik- und Männergeschmack. Der Islam gehört zu Deutschland, sagte der frühere Bundespräsident Christian Wulff. Dass eben dieser Islam auch in deutschen Gegenwartsromanen nicht mehr zwingend als etwas Exotisches herhalten muss, ist neu. Als Feridun Zaimoglu 1995 mit „Kanak Sprak“ debütierte, war das Türkische auf Sprach- und Inhaltsebene eine Zumutung. Das klang damals so: „Die männeken haben zwar gold, wo der blick auch hinfällt, und haben’s nie so recht nötig, die olle zeche zu prellen, da die mit’m ganzen bündel zur hand sind, aber, siehst du, da ist alles wie inzucht, oder wenn einer kies macht mit ’n paar stuten im stall, die er denn für sich laufen hat, aber, mann, ich biet meine eigene kraft an, die der allmächtige mich mit der muttermilch schlabbern ließ, und die kraft, mann, ist ne ureigne bravour: vom meister nimmt das greenhorn erst mal das olle handwerk, der muß doch erst mal drauf kommen, daß meinetwegen s’holz so ne struktur hat, also ne eigne prägung mitgeliefert bekam, als es noch nicht mal ’n toter wurzelknoten war, da tief im erdgeschoß ohne ne spur licht am räkeln war, und die erdkrumen zogen an seinen winkeln und zipfeln, und da ging ihm auf, was so drin ist an ureigenster herrlichkeit, also hat dieser fliegenschiß sich gesagt: ich nehm mein kapital und mach ne fette investition.“

Kleinschreibung, Slang, ellenlange Sätze – man musste sich ganz schön durchkämpfen. In „Leila“ (2006) und „Liebesbrand“ erzählte Feridun Zaimoglu (2008) bereits mit großer Geste und poetischen Anspielungen. In „Ruß“ schaute er 2011 dem Ruhrpott aufs Maul, wurde widerspenstiger, ähnlich dem Sprechgesang vom Anfang. 2014 schreibt er (noch) in Großbuchstaben, hat sich aber dem Chat-, SMS- Tinder-Style dieser Tage angenähert: Es gibt Einwortsätze und Stop-and-Go-Wechsel: „Isabel starrte während der Fahrt hinaus. Spuckwettbewerb von Kindern. Kosende Liebende. Streunende Katzen. Fliegende Händler, die honiggetränktes Esspapier verkauften. Spuckende Angestellte in Anzügen.“ Sie fühlt sich fremd, sie kann sich nicht anpassen – aber anders, als ihre Eltern. Die sind nämlich assimiliert, Teil der Gesellschaft, nach jahrzehntelanger Schufterei in der Mitte angekommen, genau eine Generation später als die deutsche Wirtschaftswunder-Mittelschicht der 60er und 70er Jahre.

Sie sehen nur eine Möglichkeit, Isabel zu helfen, nämlich mit einer angebahnten Hochzeit in der Türkei. So werden Isabel auf einer langen Reise mögliche Gatten zugeführt, die der Frau aber genauso wenig zusagen. Sie hat zu viel auszusetzen, ist mehr „Generation Ally McBeal als Generation Y“ und urteilt über einen ihrer Bewerber, er sei „einer, der eine Schneekugel schüttelt, auf die rieselnden Flocken starrt und wehmütig wird. Einer, der zwischen Rahmen und Spiegel Postkarten klemmt.“

9783462307702_10Andere wirken zu traditionell, sodass Isabel sich zu Listen gezwungen fühlt: Beim Date gibt sie eine Blasenschwäche vor, damit der Typ gleich sieht, dass sie für die Geburt mehrerer Kinder zu schwach ist. Oder sie verformt, auf ganz andere Weise als die Transvestiten daheim, ihren Körper: „Isabel legte den Gürtel und die Schaumstoffschalen an. Falsche Hüften. Sie konnte sich nicht unsichtbar machen. Sie konnte aber dafür sorgen, dass der erste Blick des Mannes auf ihre künstliche Hüften fiel. Verdoppelte Hüften als Schutz gegen den Dreck. Magerer Rumpf, dicke Taille.“

Isabel stumpft innerlich ab und verschließt sich hartnäckig der Liebe, bis sie den Soldaten  Marcus kennenlernt, einen Mann, der das „Töten und Verletzen“ gelernt hat und nicht einmal versucht, jene Traumata zu entwickeln, die Kriegsheimkehrer in Fernsehfilmen plagen. Zwei eiskalte Menschen in einer eiskalten Stadt: Feridun Zaimoglus Größe besteht darin, dieses Kälte mit einer Poesie zu beschreiben, die noch aus der letzten bettelnden Obdachlosen eine romantische „Flaschenpflückerin“ macht.

Feridun Zaimoglu: „Isabel“, Kiepenheuer & Witsch, 242 Seiten, 18,99 Euro

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