Rezension: Monster, Mädchen, Echsemplare

Spoken-Word-Heldin Nora Gomringer, Tochter des großen Eugen Gomringer („seine kehl in fyrsten„) geht dahin, wo es wehtut. In ihrem collageartig gestalteten Gedichtband „Monster Poems“ gibt es ein Wiedersehen mit King Kong, Alfred Hitchcocks „Psycho“ und der „50 Foot Woman“.

Um wen geht es hier? „Sylvia und Norman teilen sich ein Zimmer in einer großen amerikanischen Stadt. Sie backt, und manchmal – übermannt von Traurigkeit – steckt sie den Kopf gleich mit in die Röhre.“ Oder hier? „Alle Neoprenisten, Tauchgläubigen der Spielbergschule wissen, wo tiburóns Lindenblatt zu liegen kam.“ Noch einfacher? „GQ schickt mich zu fragen, wie Sie die Frauen …? K: Wie alle Tiere weiblichen Geschlechts. Und immer beißt du zu, bevor sie das veröffentlichen.“ Ob Norman aus „Psycho“ die gerade im Rampenlicht stehende Sylvia Plath, oder das hirnlose Ungeheuer „Der weiße Hai“ und Bram Stokers „Dracula“: Nora Gomringer, eine der unterhaltsamsten Dichterinnen unserer Zeit, hat gemeinsam mit Illustrator Reimar Limmer Monster von früher und heute portraitiert. Sie schreibt über Comicungeheuer wie das „Echsemplar“ Godzilla, über den „Mann aus dem Kongo„, der Bananen liebt, über Sirenen, Kindesmörder, Mischwesen aus Avatar und Jedermann und Eva als männermordende Nymphe.

„This program contains graphic images that may be disturbing to some viewers“ – bei den zehn gefährlichsten Flussmonstern, dem Monster-Wiki oder auch dem beunruhigenden Band: „Wir Untote: Über Posthumane, Zombies, Botox-Monster und andere Über- und Unterlebensformen in Life Science & Pulp Fiction“. Monster zum Gernhaben gibt es bei Pixar, in der Sesamstraße und beim „Sticky Monster Lab“ Zurück zu Nora Gomringer:

Für jedes Gedicht, für jedes Monster hat Reimar Limmer eine andere Collage entworfen. Es gibt ein Filmstill von „Der weiße Hai“, zusammengesetzt aus kleinen Flossen. Es gibt Bazillen in Großaufnahme, immer wieder den Vollmond und Richard Gere aus „Ein Offizier und Gentleman„, wie er sich selbst in den Arm nimmt, was sehr sehr verstörend ausschaut. Zusammen mit der Lese-CD sind diese Monster Poems nicht nur ein unheimliches, sondern vor allem ein unheimliches gutes Künstlerbuch geworden. Der Gedichtband kommt, das verdoppelt den Spaß, äußerst hintersinnig daher, mit rätselhaften Anspielungen der Art: „Mit dem Zählen kommt der Mann aller Mathematik des Garausmachens.“ Es gibt reale Monsterbetrachtungen – die BILD nennt ohnehin jeden zweiten Verbrecher so. Nora Gomringer erfindet unheimliche Schwüre, und „was einen Schakalkopf trägt, bellt hell unterm Mond.“ Wer die meisten Monster erkennt, hat bei diesem wahnsinnigen Spiel gewonnen. Mein weiß nicht, ob man sich fürchten oder einfach nur staunen soll.

Nora Gomringer: „Monster Poems“, mit Illustrationen von Reimar Limmer, Voland & Quist, 64 Seiten, 17,99 + CD

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