Missbrauch: Die gefährliche Geliebte

„Sandbergs Liebe“ ist eine erfundene Geschichte – und doch gab es ein Erlebnis in meinem Leben, das mich beschädigt zurückgelassen hat. „Es war ein Missbrauch“, sagte eine Freundin damals zu mir, und meinte damit jene Beziehung, die gerade vergangen war, und nach der neben Verwirrung noch etwas geblieben ist: die Scham.

Im September des vergangenen Jahres veröffentlicht die Journalistin Michèle Loetzner im Magazin der Süddeutschen Zeitung die beeindruckende Reportage „Wie ein Vampir“. Darin schreibt sie von einem Mann, den sie über die Online-Datingplattform Tinder kennenlernt, dem sie verfällt, und an dessen manipulativer Kraft sie schier verzweifelt – bis sie beschließt zu kämpfen. Am Ende findet sie fast zwanzig Frauen, die beinahe an diesem Mann zerbrochen wären; nach der Veröffentlichung werden sich weitere Opfer bei ihr melden.

Loetzner erzählt von einer fatalen Liebe zu Tim, der Philosophie-Doktorand ist, lustig schon in den ersten Chats, der schreibt, wie außergewöhnlich er sie findet. Sie wird bereits in der zweiten Nacht bei Tim schlafen. Er bombardiert sie mit Nachrichten, überschüttet seine neue Freundin mit romantischen Gefühlsbekenntnissen. Dann beginnen die Probleme: Tim wirft Loetzner vor, sie sei zu misstrauisch. Er fühlt sich ungerecht behandelt, sagt ein bereits vereinbartes Treffen ab, dann ist er wieder da, lässt sich von seiner Geliebten aushalten. Es ist ein ständiges Auf und Ab.

Irgendwann spricht Loetzner mit einer Freundin über das Tinder-Date und es kommt heraus: die Freundin hat bereits von dem Mann und seiner perfiden Masche gehört. Er saugt die Kraft, die Energie der Frauen so lange aus, bis sie elendig und beladen mit Selbstzweifeln zurückbleiben.

Gaslighting – das wohl gefährlichste Beziehungsphänomen ever

„Wie ein Vampir“ ist das reale Gegenstück zu „Sandbergs Liebe“. In meinem Roman zeige ich die Zerstörungskraft einer manipulativen Beziehung. Obwohl der Titel anderes vermuten lässt, ist „Sandbergs Liebe“ keine Beschreibung einer im Himmel geschlossenen Verbindung, sondern das Protokoll einer Missbrauchsform, die darauf ausgerichtet ist, die Wahrnehmung eines Menschen so lange anzugreifen, bis er am Boden liegt. Das klingt nach Thriller, doch es passiert häufiger, als wir glauben.

Es gibt für diese Missbrauchsform einen englischsprachigen Begriff: „Gaslighting“, in Anlehnung an das Theaterstück von Patrick Hamilton aus dem Jahr 1938, in dem ein Ehemann versucht, seine Gattin in den Wahnsinn zu treiben. Um dieses Ziel zu erreichen manipuliert er beispielsweise die Gaslampen des Hauses und lässt sie flackern. Von seiner Frau auf dieses Flackern angesprochen behauptet er, sie täusche sich.

Wird uns eingeredet, dass das, was wir wahrnehmen, nicht real ist, werden wir im schlimmsten Fall von einer anfänglichen Unsicherheit in echte Verzweiflung stürzen. Permanente Vorwürfe beschleunigen den Prozess. Mithilfe von Gaslighting können Menschen in den Selbstmord getrieben werden. In einem Artikel auf der beliebten Internetseite „Mit Vergnügen“ wird Gaslighting bereits als „gefährlichstes Beziehungsphänomen ever“ bezeichnet (hier).

Sehnsucht nach einer Festung gegen die Pornoversion der Liebe

Ich erinnere mich jetzt, wo „Sandbergs Liebe“ erscheint, an die Zeit nach meiner Gaslighting-Erfahrung, an meine Panikattacken, an meine Schlafstörungen, an mein Zittern – und daran, wie ich binnen vier Wochen sechzehn Kilogramm abgenommen habe. Ich erinnere mich an viele dunkele Stunden.

Eine Spezialistin, die ich damals aufgesucht habe, schreibt in ihrem Gutachten: „Sie kamen zu Beginn der Behandlung in einer schweren Krise. Meine Diagnosen waren ‚schwere depressive Episode’ mit Suizidalität und akute ‚Belastungsreaktion’.
 Auslöser der Krise war das Ende einer Beziehung zu einer Frau, von der Sie überzeugt waren, sie sei die Frau ihres Lebens. Die Beziehung war geprägt durch destruktive Muster, die Irritationen und Schuldgefühle hervorriefen. Für mich war sichtbar, dass Sie sich verstrickten und es Ihnen nicht gelang, Ihrem Impuls nachzugeben, gehen zu müssen. In einem Chaos von Kälte, Irritationen und Manipulationen verirrten Sie sich, jeder Selbstschutz wurde unterdrückt. Obwohl die Beziehung nur wenige Wochen dauerte, blieben Sie verstört und depressiv zurück.“

Dabei hatte ich mich einfach nur in eine Frau verliebt, die sich für Literatur begeisterte (wie ich), die Kinder haben wollte, unbedingt (wie ich), die etwas Wahrhaftiges und Echtes suchte (wie ich), die sofort leuchtende Augen bekam, als ich ihr einen Absatz des Schriftstellers Mark Fischer vorlas, in dem ein Paar mehr will als die sogenannte Pornoversion der Liebe, „die heute so populär ist und die im Wesentlichen daraus besteht, dass es schon reicht, sich nicht zu sehr auf die Nerven zu gehen, um sich Liebende zu nennen. Die Form der Liebe, deren Bild sich zusammensetzt aus der Palmers Werbekampagne, roten Rosen und einem Kuss im Mondlicht. Die Form der Liebe, die sprachlich verroht und nur noch ein Klischee ist, abgenutzt von Millionen ungewaschener Finger und Millionen schlecht gewählter Adjektive. Die Liebe als Massenware, die keine Verpflichtung und keinen Respekt mehr kennt, die Art Liebe also, für die es Geschenkegutscheine von Douglas gibt.“

Jede Frau wird als Flittchen gesehen, hinzu kommt eine Eifersucht, die rasend ist

Ich brach damals, wie geblendet, die Brücken zu meinem alten Leben ab. Ich wollte den Vorstellungen meiner absolut hinreißenden Partnerin gerecht werden. Ich schlug eine Reise ins niederländische Zierikzee vor – sie wollte mindestens nach Hawaii. Ich hatte vor, eine Flasche Sekt zu kaufen, sie griff zum Champagner. Meine Partnerin weihte mich in dunkle Geheimnisse ein, erzählte von den gewalttätigen Übergriffen in ihrer Kindheit, von den sexuellen Verfehlungen verschiedener Ex-Partner, davon, dass ein mit ihr eng befreundetes Paar nur einmal im Jahr Sex hat, weil einer der beiden einst vergewaltigt worden ist. Scheinbar vertraute sie sich einem Mann an, der ab jetzt bei ihr bleiben sollte.

Doch zwischen uns entwickelte sich eine fatale Dynamik, in der Liebesschwüre und Vorwürfe, Versprechen und Manipulationen so lange wechselten, bis alle Hoffnungen zerstört, bis keine Kommunikation mehr möglich war. Sie warf mir vor, es nicht ernst zu meinen mit ihr. Sie flehte darum, dass ich bei ihr bleibe. Sie schmiss mich aus ihrer Wohnung. Dann brannte sie wieder vor Leidenschaft.

Sie witterte in jeder meiner Freundinnen ein Flittchen. Ging ich einen Abend mit Kollegen aus, ignorierte sie mich, wenn ich heimkam. Fuhr ich zwischendurch heim, weil mir alles zu viel war, bekam ich Nachrichten der Art: „Weil Du gegangen bist habe ich mich gerade zweimal übergeben. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Warum glaubst Du meiner Liebe nicht?“ Es war ein ständiges Auf und Ab. Ich wähnte mich auf der einen Seite glücklich, während ich merkte, dass es mir stetig schlechter ging.

Die Ablehnung der Gefühle und Wahrnehmungen des Anderen ist die Hölle

Nach der Trennung erzählte mir eine Freundin vom Gaslighting-Phänomen, das sich aus verschiedenen Strategien zusammensetzt. Dazu gehören die absolute Kontrolle über Freundschaftsbeziehungen, berufliche Entscheidungen und die Zeit des Anderen. Dazu gehören subtile Vorwürfe, die den Partner in eine Schuld stellen und den Manipulator zum scheinbaren Opfer machen. Dazu gehört die vollkommene Ablehnung der Gefühle, Wahrnehmungen und Äußerungen des Anderen.

Wenn man sagt: „Ich liebe Dich“, wird der Gaslighter antworten: „Ich liebe Dich auch, aber dass Du mich liebst, das glaube ich Dir nicht. Beweise es mir, damit ich endlich vertrauen kann.“

Was macht der normale, zur Empathie fähige Mensch? Er wird versuchen, seiner Partnerin Sicherheit zu geben, indem er einlenkt, argumentiert und sich entschuldigt. Er wird sie festhalten und sagen, dass alles gut wird. Er wird es immer und immer wieder tun, und dabei die Signale seines schwächer werdenden Körpers ignorieren. Er fängt vielleicht an zu zittern, bekommt Schlafstörungen, ist in ständiger Alarmbereitschaft, weil jede seiner Handlungen dazu führen kann, dass die hochsensible, sehr verletzliche Femme fragile ihre Contenance verliert. Es klingt anstrengend. Tatsächlich ist es nicht nur anstrengend; es ist die Hölle.

Jetzt weiß ich, dass Gaslighting funktioniert: leider

Es gibt eine Szene, die sich viel später ereignete, als ich mich während der Fahrt mit einem Taxifahrer unterhielt, der seinen Mercedes seit über dreißig Jahren durch Köln lenkt. Diese Szene beschreibt, wie Manipulation ganz allgemein funktionieren kann. Wir kamen zufällig auf das Thema „Gaslighting“, und ich fing an, das Phänomen zu erklären.

Irgendwann sagte der Fahrer: „Das würde bei mir nicht funktionieren.“ – Ich lächelte und pflichtete ihm bei. „Selbstverständlich klappt es nicht bei jedem.“ – Dann machte ich eine kurze Pause und ergänzte: „Trotzdem finde ich es uncool, dass Sie meine zehnminütigen Ausführungen genutzt haben, um einen zwei Kilometer langen Umweg zu nehmen.“

Der Taxifahrer lief sofort rot an. Er bot an, die Uhr auszustellen. Umständlich erklärte er mir, warum er den gerade genommenen Weg gewählt hatte und keinen anderen. Er versicherte, er würde niemals betrügen. – Daraufhin antwortet ich: „Sie sind seit über dreißig Jahren Taxifahrer in Köln. Wir beide wissen, dass Sie keinen Umweg genommen haben. Aber jetzt wissen Sie, das Gaslighting funktioniert.“

Ignorieren kann in extremer Form gewalttätig sein 

In Liebesbeziehungen ist die Sache komplizierter. Die Taxi-Geschichte illustriert nur auf die Schnelle, wie empfänglich jeder Mensch für Schuldannahme und Manipulationen ist. Der Fahrer und ich standen in keiner persönlichen Beziehung, wir hatten keine gemeinsamen Lebenspläne.

Ich habe mit der Psychologin und Psychotherapeutin Bärbel Wardetzki gesprochen. Ihr Buch „Weiblicher Narzissmus“ ist seit vielen Jahren ein Bestseller und erscheint aktuell in der 28. Auflage. Im Interview sagt sie: „Es gibt natürlich sehr viele Manipulationstechniken, auch im Zusammenhang mit Narzissmus, die oftmals nicht gezielt eingesetzt werden, sondern unbewusst. Das hat die Person in seiner bisherigen Lebensgeschichte gelernt. Dass sie nur überlebt, wenn sie den anderen manipuliert. Das geschieht automatisch, und ohne dass sie merkt, wie sie ihre Umwelt manipuliert.“

Wer so handelt, braucht Kontrolle, zumeist deshalb, weil er oder sie in jungen Jahren Kontrollverlust erlitten hat, aufgrund von sexuellen Missbrauchserfahrungen, emotionaler Gewalt oder körperlicher Züchtigung. Von da an erscheint nichts schlimmer als die Unberechenbarkeit. Dass selbst die Menschen, die vorgeben, einen zu lieben, ihren eigenen Willen haben, ist für Gaslighter inakzeptabel. Daher kommt die Wut, sobald der Partner eigene Entscheidungen trifft, zum Beispiel, wenn er in eine Bar geht, um Freunde zu treffen.

In diesen Momenten handelt der Andere nämlich eigenständig. Um ihn wieder an sich zu binden, muss sein Verhalten sanktioniert werden, mal durch Vorwürfe, mal durch Tränen und vorgespiegelte Schmerzen, mal durch eiskaltes Ignorieren, einer der schlimmsten Formen psychischer Gewalt.

Die Opferrolle verlassen – um nicht Täter zu werden

Ich hatte nach meiner Gaslighting-Erfahrung ein Gefühl, das mir bislang unbekannt war, nämlich das Gefühl, ein Opfer zu sein. Ich habe das damals begründet mit meiner Familiengeschichte, die kompliziert ist: ich musste an meinen jüdischen Urgroßvater denken, der nach 1945 die Opferrente abgelehnt hatte, um ein normales Leben zu führen. Mein Urgroßvater hatte sich und seine Familie vor den Nationalsozialisten verstecken müssen – doch nach Kriegsende wollte er sein früheres, sehr normales Leben zurück. Er beschloss, jeden auf der Straße zu grüßen, „denn wir wissen nicht, wer Täter war und wer nicht.“

Fatalerweise kroch er weiterhin unters Bett, wenn ein Fremder an der Wohnungstür war. Er dachte, die Nazis holen ihn doch noch. Er konnte diese Ambivalenz – kein Opfer zu sein, aber wie ein Opfer zu handeln – nie überwinden. 1957 hat sich mein Urgroßvater erhängt.

Seine und meine Geschichte hängen schauderhaft zusammen. Nach meiner Gaslighting-Beziehung musste ich mich nicht nur mit dem Wahnsinn jener Frau beschäftigen, die augenscheinlich eine Borderline-Störung hat; ich musste mich ebenfalls mit dem Urgrund meiner Familie auseinandersetzen.

Durch meinen Urgroßvater habe ich verstanden, dass es hilfreich ist, die eigene Opferrolle erst einmal anzunehmen, um sie später endgültig abzulegen. Es reicht nicht, sie zu leugnen, weil wir uns dann in einem Paradox gefangen sehen. Inzwischen weiß ich, dass man außerdem die Opferrolle ablegen sollte, um nicht in der Gefahr zu stehen selbst Täter zu sein – gegen sich, gegen Andere. Natürlich war auch die Frau, die ich vor vielen Jahren kennengelernt habe, nicht nur Täterin, sondern auch ein Opfer.

Das Programm des Missbrauchenden wird überspielt

Ich hatte für die Situation nach der Beziehung keine Strategie. Ich glaube an die eigene Kraft. Ich war in meiner Jugend Leistungssportler. Ich kann auf beiden Beinen stehen. Aber die einzigen Strategien, die ich nach der Gaslighting-Erfahrung hatte waren die meiner „gefährlichen Geliebten“, meiner Ex. Mich selbst hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben vergessen.

Ich handelte auf eine Weise, die mich mit jedem Monat stärker beunruhigte. Mein Alltag stand in der Gefahr unheimlicher Schlüsselreize. Wann immer ich ein Erlebnis hatte, das mich an die manipulative Beziehung erinnerte, wurde in mir ein selbstzerstörerisches Programm aktiviert, das mich aus dem bewussten Handeln in die Unzurechnungsfähigkeit katapultierte. Ich war verwirrt. Ich war verunsichert. Ich stand vor den vielen unlogischen Manövern meiner Ex wie vor einem Gedicht fremder Sprache, das ich weder lesen, noch anderweitig entschlüsseln konnte.

Diese Frau hatte binnen kurzer Zeit ihr Programm auf mich überspielt. Im Privaten versuchte nun ich, mein Umfeld zu kontrollieren. Ich verließ mich auf niemanden. Als mir eine Freundin beim Umzug helfen wollte, lehnte ich ab. Als sie am Tag des Umzugs krank wurde sagte ich: „Siehst Du, ich hatte Recht, mich nicht auf Dich zu verlassen.“ Ein absurder Vorwurf, der tatsächlich gefährlich ist und auch in die Gaslighting-Sphäre gehört, denn ich wertete die sehr, sehr nette Geste meiner Freundin nachträglich um als Täuschung und meine vorherige Ablehnung als einen verständlichen Schutzreflex. Ich vertauschte die Realität – nicht nur meine, sondern auch ihre.

Das wiederum hat zu tun mit dem unheimlichen Phänomen der Übertragung. Gefühle, die ich der manipulativen Ex gegenüber hatte oder immer noch verspürte, übertrug ich nun auf Freunde, übertrug ich selbst auf Fremde. Überall und in fast jedem witterte ich eine Gefahr, den Anfang neuer Manipulationen. Was ich mit meiner Ex nie hatte aushandeln können, holte ich an anderer Stelle nach.

Am Ende bleibt natürlicherweise die Scham – auf allen Ebenen

In jeder Frau, die teuer gekleidet war, sah ich eine Narzisstin – und ich verachtete sie geradezu. Dabei ist es in unserer Zeit nur modern, sich zu inszenieren, beispielsweise durch den eigenen Kleidungsstil, durch ein geschöntes Instagram- oder Facebook-Profil, durch unser kuratiertes Wohndesign. Ich mache es nicht anders.

Dennoch: Frauen, die mehrere Selfies auf ihrem Mobiltelefon hatten, erschienen mir schuldig; nur schuldig wofür eigentlich? Kein Grund, sich schlecht zu verhalten. Undenkbar war, mit einer zu sprechen, die den gleichen Namen wie meine Ex hatte. Ich las „Wie schleichendes Gift“ von Christine Merzeder und „Ich hasse Dich, verlass mich nicht – Die schwarzweiße Welt der Borderline-Persönlichkeit“ von Jerold J. Kreisman und Hal Strauss.

Ich hatte Black Outs, Intrusionen, Momente absoluter Verwirrung, Alpträume, Angst. Ich schadete mir selbst, und damit auch jenen Menschen, denen ich etwas bedeute. Denke ich an die vielen Augenblicke des Kontrollverlustes nach, bleibt als letztes Gefühl die Scham.

Die Scham, das erklärte mir der Basler Philosoph Alexander Fischer, ist ein Gefühl, das man nutzen kann, um sich vor Selbstverletzungen und falschem Handeln zu schützen. Die Scham kann Schlimmeres verhindern. Sie ist quasi nutzbar als Mittel. Wenn man gut hinspürt, sie kennenlernt, die Scham, dann wird sie irgendwann erkenn- und einsetzbar, um sich selbst zu stoppen, um zu merken: Moment mal, hier läuft was falsch. Das sollte so nicht sein.

Die Kraft der Fiktion ist hart wie Beton

Irgendwann habe ich beschlossen, einen Roman zu schreiben, in dem sich ein erfundener Mann mit einer erfundenen Frau in eine fatale Beziehung stürzt. Meine Hauptfigur Kristian Sandberg gibt es seit 2013; er wandert melancholisch durch meine Geschichten „Lanzarote“ und „Teneriffa“, die ich bei SuKuLTuR (hier) veröffentlicht habe.

Um nicht nur die reale Ex, sondern auch die Gaslighting-Erfahrung von mir zu lösen, habe ich einige SpezialistInnen interviewt und angefangen, das Thema rein journalistisch zu betrachten. Ich habe dankbar alles Ablenkende angenommen – in solchen Augenblicken ist selbst eine Konferenz, in der über Zielvereinbarungen, Honorarrahmen und Sonderschemata gesprochen wird, glücksversprechend.

Morgen erscheint „Sandbergs Liebe“. Am 27. Januar wird im Radiosender Bayern 2 mein Feature über Gaslighting laufen (mehr hier), in dem ich einen weiteren, in dem ich einen realen Missbrauchsfall erzähle. Ich habe bereits vor längerer Zeit meinen alten Plattenspieler aufgebaut. Ich gehe zu Lesungen, zu Partys und treffe meine Freunde. Die neuen Romane des Frühjahrs, die Geschichten der Anderen interessieren mich mehr als meine eigene. Ich will nicht mit dem Opferticket reisen. Ich nehme lieber meine Bahncard 50 und fahre ans Meer.

Die Augen der Narzisstin blicken stets leer, wie tot

Ich erinnere mich, wie ich auf der Frankfurter Buchmesse mit dem großen Schriftsteller und Autorenfilmer Alexander Kluge im Aufnahmewagen des Deutschlandfunks saß. Wir sprachen über den Parsifal und Walter Benjamin, über William Shakespeares „Romeo und Julia“, die „Wahlverwandtschaften“ von Goethe und den „Tristan“ Gottfried von Straßburgs.

Alexander Kluge beschrieb, in welcher Weise die literarischen Ideen von Liebe fatal sind, denn „wenn Sie davon ausgehen, dass in der Evolution Nachkommen erwünscht sind, dann würden Sie sagen: Tristan und Isolde genügt allein nicht. Denn die kriegen keine Kinder. Und Romeo und Julia haben auch keine Kinder gehabt. Es muss irgendeine Form von praktischem Glück geben. Das heißt, Sie müssen auch Liebesgeschichten haben, die dazu führen, dass Kinder entstehen und glücklich werden und ihre Erfahrung weitergeben.“ – Ich musste, während Alexander Kluge das sagte, an meine Ex denken.

Vor einiger Zeit habe ich mir ein letztes Mal Fotos meiner „gefährlichen Geliebten“ angesehen. Was mir plötzlich klar wurde, war: sie erscheint auf jedem Bild als anderer Mensch. Es sind Inszenierungen, Rollenspiele, Behauptungen. Nur ihre Augen blicken stets auf die gleiche Weise leer, wie tot. Ich kann Gott auf Knien danken, dass sie kein Teil meines Lebens ist. Ich trauere nicht um sie, sondern allein um jene, die nach ihr verletzt worden sind. Ich sehe klar.

Oder mit den Worten von Alexander Kluge: „Ich weiß, dass sich Liebe in einem Labyrinth bewegt. Aber gleichzeitig gibt es im Labyrinth Auswege, Ariadnefäden. Und die müssen wir suchen.“

„Sandbergs Liebe“ erscheint bei Secession in Zürich, hat 190 Seiten und kostet 20 Euro / Das Beitragsbild zeigt das Cover von „This Side of Paradise“ ein Album des Kölner Produzentenduos Coma.

  1. Cabral on

    👍, ein aufwühlender Text über Beziehungsmanipulationen. Ich habe ähnliches erlebt, eine Frau mit spirituellem Hintergrund hatte sich meiner „angenommen“. Ich habe much hinterher gefragt, wie es dazu kommen konnte. Antwort, eindeutig: Die Lust manipuliert zu werden, diese Artvon Entgrenzung, die es sonst so kaum gibt. Auch eine Kraft, die über die Sprache transportiert wird. Ich habe richtig Bock auf das Buch. Schreibe selber und die Scham ist mir wohlbekannt. Es gibt auch was Gutes wenn wir da rauskommen: eine ganz spezielle Art der Aufklärung, was im Leben, im Miteinander so alles möglich ist. 🙊

    • danke, das ist sehr freundlich – und es tut mir leid, dass Sie Ähnliches erlebt haben. Das ist eine schlimme Sache – und ich hoffe, es geht bald wieder besser (und dass irgendwann auch die Scham verschwindet). Ganz herzlich, Jan Drees

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