Rezension: Lost in Transition

„Spätestens morgen“, denken wir und prokrastinieren. Dass es wesentlich kreativere Gründe gibt, beschreibt Zoë Jenny in ihrem neuen Storyband – der einer der letzten seiner Art sein könnte.

Ein unpolitischer, wenig erfolgreicher Theaterautor emanzipiert sich von seiner ökofanatischen Karrierefrau, indem er den gemeinsameren Kindern Junkfood spendiert. Ausgerechnet von einem Fährmann erfährt ein junges Mädchen vom Selbstmord ihrer Schwester – als sei sie selbst in die Unterwelt hinabgestiegen um Charon, der die Toten über den Fluss Acheron setzt, auszufragen. Bei einer Führung durch Shanghai filmt ein deutscher Tourist nahezu alles, was ihm vor die Linse kommt – nur seine eigene Familie nicht.

Zoë Jenny beschreibt Menschen, für die es „Spätestens morgen“ besser werden könnte, die sich jetzt aber wie Verlorene in Transitzonen aufhalten: auf Reisen, vorm Umzug oder nach einem abgebrochenen Studium. Der Titel selbst bezieht sich auf den Absturz John F. Kennedy Juniors, der „spätestens morgen“ von den Suchmannschaften im Meer gefunden werden soll. Wenn die Szene im Altenheim angekommen ist, wird dem Titel „spätestens morgen“ eine düstere Bedeutung hinzugefügt. In der Zukunft lauert nicht zwangsläufig das bessere Leben. Gewiss ist nur der Tod.

Jenny_Stahlphoto_gDie Geschichten spielen in der Ferne, lost in transition, verloren in diesen Transiträumen. Durch die Wahl fremder Orte bestätigen sie den gegenwärtigen und diskutierten Trend zur literarischen Deutschlandflucht. Auslandsstipendien schaffen eine bestimmte Art der deutschen Gegenwartsliteratur, deren Handlung dort angesiedelt wird, wo einen die Stipendiengeber verschicken: nahe der Villa Aurora (Los Angeles) oder der Villa Massimo (Rom) beispielsweise.

Dem gegenübergestellt sind teuer selbstrecherchierte Werke finanzkräftiger Starschriftsteller. Christian Kracht lässt seine Romane in Tibet, der Wüste Lop Nor und Teheran spielen („1979“) in Ceylon und auf den Fitschi-Inseln („Imperium“). Bei Zoë Jenny haben sich die Orte aus unterschiedlichen Gründen ergeben. „In New York war ich auf eigene Faust. In China hatte ich ein vierwöchige Lesereise. In London lebte ich acht Jahre“, sagt die inzwischen wieder in Zürich lebende Autorin. Viel gereist, den Themen treu geblieben.

Verlorene Kinder, introvertierte Altenheimbewohner, rätselhafte Gäste – und zu Beginn ihrer Karriere mit „Das Blütenstaubzimmer“ eine entfremdete Scheidungsmutter. Wie entsteht Zoë Jennys Blick auf die Ausgeschlossenen, die Entfremdeten und In-Sich-Gekehrten? „Diese Frage ist etwas schwerer zu beantworten. Ich weiss es ganz ehrlich auch nicht. Mir begegnen einfach immer wieder Menschen oder ich komme in Situationen die mich irgendwie erschüttern.“ Dieser Erschütterung setzt  Zoë Jenny eine bewusst beiläufig-nüchterne Sprache entgegen.

Auf diese Weise verwandelt sich jegliche Hoffnung in Melancholie, dem möglicherweise treffendsten Gefühl nach einem 9/11-Terrorjahrzehnt, Bankencrashs, der teilweise gescheiterten Arabellion und einer paneuropäischen Finanzkrise. Melancholie und Wehmut, auch aus anderen Gründen, denn Kurzgeschichtenbände wie dieser können schon bald der Vergangenheit angehören. Seit beispielsweise der Rowohlt-Verlag unter dem Label „E-Book only“ 1,99-Euro-Single-Shortstories anbietet ist das Ende des „Konzeptalbums“ auch in der Literatur nahe. Ein Band wie „Spätestens morgen“ könnte schon bald ähnlich exotisch wie eine Doppel-Vinyl daherkommen.Man sollte diese Literatur feiern, so lange sie lebt.

Zoë Jenny: „Spätestens morgen“, FVA, 140 Seiten, 17,90 Euro

Bildcopyright: Stahlphoto

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