Lady Gaga, Mister Dada

Die Hamburgerin Nora Gantenbrink erzählt in ihrem Short-Story-Debüt „Verficktes Herz“ von Druffikumpels, Clubnymphomaninnen und 13 Jahren bis zum Höhepunkt.

In der verwirrendsten Geschichte dieses durchweg verwirrenden Erzählbandes verliert die 20-jährige Studentin Jorinde Semmler an einem Samstagmorgen ihr Mobiltelefon. Sie hat die Nacht über gefeiert. Sie ist betrunken. Als sie am kommenden Morgen aufwacht, sucht sie den Ausgang des Abends in ihrem Kopf. „Wo war ich zum Schluss und mit wem? Wie bin ich heimgekommen? Habe ich mich blamiert? Ist noch alles da?“ Zu diesem Zeitpunkt scrollt sich der pädophile Parkhauswächter Borowski seit Stunden durch Jorindes Telefon. Er druckt 168 Fotos aus: „Jorinde in der Uni. Jorinde am Strand. Jorinde. Jorinde. Jorinde. Jorinde. Jorinde.“

Später wird er ein Bild von Jorinde in sein Portemonnaie stecken, fünfzehn weitere einrahmen und seiner Mutter gegenüber behaupten, er hätte eine Freundin. Diese „Freundin“ will jedoch ihr Telefon zurückhaben und der Mann weiß, dass er bald keine neuen Ausreden vorschieben kann, um Jorinde davon abzuhalten, das Gerät einzukassieren. Als es so weit ist, begeht er einen schweren Fehler… – Nora Gantenbrinks Handygeschichte verläuft anders als eine ähnlich geartete in Daniel Kehlmanns Bestseller „Ruhm“, wo die Zuweisung einer falschen Nummer zum Gedankenexperiment über Identität, Virtualität und Datenrausch führt. In „Verficktes Herz“ bleibt es eine skurrile Episode der 20-jährigen Studentin Jorinde, eine von den vielen Merkwürdigkeiten, die uns allen hin und wieder passieren.

Seltsamerweise wirken in diesem Erzählband selbst die Freaks zwingend. Mal erlebt der hässliche Volldruffi „Rö“ seine bizarrste Nacht mit einem Modelmädchen in London, was mit den Worten kommentiert wird: „Rö war vom Baum zum Hund geworden.“ Dann tauchen Liebhaber auf, denen vorgeworfen wird, sie interessierten sich „seit fünf Jahren mehr für Spongebob als für Deutschland.“ (Man könnte hier auch einwenden, dass es schlimmere Spleens gibt.) Eine 29-jährige, kurz vor der Habilitation stehende Nymphomanin avanciert zur holländischen Sexsklavin und ein Online-Date erkennt durch seine Treffen mit einer dicken 33-Jährigen, dass er eigentlich homosexuell ist. Nur in relaxten Augenblicken sieht man sich im Abivorbereitungstreffen wieder, wo sich 13-Klässler die sinnlosesten Motti um die Ohren hauen, von „CanABIs – 13 Jahre Stoff“ bis zu „GABI – 13 Jahre bis zum Höhepunkt!“ Nora Gantenbrink schafft es, dass alles, was Gaga und Dada ist, wie Erholung wirkt.

Herz_Rowohlt_gDenn in „Verficktes Herz“ kämpfen nahezu alle Figuren in poetischer Schönheit mit ihrem Leben, empfangen SMS der Art: „Es tut mit leid, du bist eine wundervolle Frau… – So beginnen Tragödien.“ Sie schließen vom Geruch ihres Morgenurins auf ihre Seelenhaushalt und liegen auf dem Teppich „in einer Position, in der die Fernsehkommissare immer Wasserleichen finden.“ Sie rufen aus Irrenanstalten in Boulevardredaktionen an, spendieren senilen Prostituierten den Schlüsseldienst, erleben Weihnachten im Vollrausch und rufen dennoch laut in die Welt hinaus: „Friends are forever, boys are whatever!“

Eine verhütet grundsätzlich natürlich und prüft ihren Vaginalsschleim, um herauszubekommen, ob sie mit heute mit ihrem Freund ins Bett steigen kann. „Ich kratze den Schleim ab, schnipse ihn durch die Terrassentür und stelle mir vor, dass dort ein Schleimbaum wachsen wird.“In der titelgebenden Geschichte „Verficktes Herz“ übergibt sich eine Frau, die ihrem Ex hinterhertrauert. Sie hofft, dass ihr Herz gleich mitrauskommt, obwohl sie weiß, dass selbst das nichts ändern würde, denn „Herz und Hirn sind zwei nebeneinander existierende Organe. Wie ein altes Ehepaar leben sie vor sich hin und hören dem anderen nie zu“. Immer wieder, und dass ist eine große Stärke, beweisen Nora Gantenbrinks lässige Short Stories, dass es in einer Welt von Onlinedatingfreaks, Burnoutpatienten, Esoterikflüchtlingen und erwachsenen Spongebobfans keine wirklich Irren mehr geben kann. Seltsam sind wir alle, auf die eine oder andere Art und Weise. Und überhaupt: „Verficktes Herz!“

Nora Gantenbrink: „Verficktes Herz“, Rowohlt, 156 Seiten, 12,99 Euro

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