Rezension: Kill the barbie!

„Hübsches Techno … 1000 Beats pro Minute. Dein Herz ist dein DJ. Ist wie bei der Loveparade. Nur ohne Gesang.“ Der Prager Straßenbahnfahrer Petr besingt auf diese Weise die 17-jährige Vanda, Gothic-Punksängerin der Band „Kill the Barbie„, Kokserin, Scheidungskind mit einem Vater, der ihre beste Schulfreundin dated. Vanda verbringt Vormittage allein rauchend auf dem Klo, dreht nur im Scheinwerferlicht auf: „Fuck off Bush! Fuck off USA! Kill the Barbie! Fucking cocksucker!“

042_87380_120709_xlJaroslav Rudiš portraitiert in kurzen Episoden fünf einsame Helden der tschechischen Hauptstadt, Gefallene, Trauerndem unglücklich Verliebte, halb Wahnsinnige, die sich immer wieder begegnen, unwissentlich verbunden sind durch ein melancholisch gestimmtes Band. Dazu gehört ein erfolgreicher Anwalt, bei dem es plötzlich um mehr geht als um „Marie. Ihr Hintern. Null Reaktion. Ihre Pussy, ihre fucking Pussy. Nichts regt sich. Weiter. Nur nicht aufhören. Ludmila. Ihre Riesentitten.“ Sein Bruder kämpft im Irak und ist vermutlich gefallen.

Ptetr hat, um nicht vollkommen einsam zu sein, seinen Hund „Malmö“ dabei, einen weißen Labrador. Der eigentlich seiner Ex gehört, die er auf einem ganz anderen Konzert einst unbeholfen angebaggert hat: „Du hast schöne Augen“, sagt er. „Schöne?“ – „Na, irgendwie so bläulich, blaue Augen, finde ich.“ – „Wusste ich gar nicht, danke. Malmö, mach‘ Dich bitte auch bekannt. Das ist der Herr, der merkt aber auch alles. Sie kraulte ihren Hund hinter den Ohren. „Also, wie war das mit meinen Augen?“ – „Sagen wir mal: richtige, „Nehm‘ mich mit ins Bett“-Augen.“

Diesen Dialog gibt es hier in der kurzen Lesung des Autors. Es ist eine Weile her, dass Deutsch sprechende Autoren wie Franz Kafka aus Prag kamen. Jaroslav Rudis gehört dazu – schreibt aber weiterhin in seiner Landessprache. Was er mit Kafka gemeinsam hat? Er nimmt seine Figuren ebenfalls hart ran. Sie müssen sich durchkämpfen und sich in tatsächlich an Kafka erinnernden Episoden behaupten.

Obwohl Petrj seine Clara an diesem Konzertabend rumkriegt, wird er später scheitern. Er wird allein vom Lissabon-Urlaub nach Hause fahren, weil Clara ihn abserviert hat. Er wird an der Grenze wegen ein paar Gramm Gras in U-Haft genommen, anschließend zu gemeinnütziger Arbeit bei der Straßenbahn verdonnert und sein Studium aufgeben.

Aufgegeben hat sich auch Vladimir, der seit dem Krebstod seiner Frau überzeugt ist, der Lärm der Welt sei Schuld an Ihrem Ableben, was ihn in Konfrontation zu Vanda setzen wird. Mehr Stille, weniger Koksen, neue Frauen treffen, Scheidung, Trennung, aus sich herausgehen – die Figuren des Buchs versuchen alles, um ihr Leben neu zu definieren. Nur gelingen will es ihnen nicht.

Prag ist seit dem Fall der Mauer eine Touristenmetropole, in der sich Europas Clubgänger am Wochenende treffen, um Party zu machen. Den Einheimischen geht es währenddessen wie ihren Leidensgenossen in Berlin. Sie wollen ihre Ruhe haben. Dafür ist Prag, dafür ist aber auch dieses wunderbar geschriebene Buch ein denkbar schlechter Ort: Es gibt chaotische Punk-Rockkonzerte, einen Straßenbahn-Crash, Verhaftungen und ganz viel Tocotronic.

Die Stimmung ist melancholisch, spätsommerlich, diesig der Ausblick, die Sicht. Die Stadt befindet sich im Zwielicht, Bis kurz vor Schluss: „Auf einmal gehen die Straßenlichter wieder an. Eines nach dem anderen. Ganz langsam. Auch die Alarmanlagen in den Geschäften schalten sich wieder ein. Die Sterne über Prag sind verschwunden. Der Sommer ist vorbei.“

(Jaroslav Rudiš:“Die Stille in Prag“, übersetzt von Eva Profoussová, Luchterhand, 242 Seiten, 16,99 Euro)

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