Gräser der Nacht

Auf der Frankfurter Buchmesse traf ich im Innenhof Peter Stamm. Wir setzten uns im Nieselregen an einen der wenigen freien Plätze, zwischen Würstchenbude, Crêpe-Stand, Kaffeeausschank und sprachen über Patrick Modiano, den gerade gekürten Literatur-Nobelpreisträger (die Verleihung ist wie immer am 10. Dezember in Stockholm). „Dir werden seine Texte gefallen“, sagte Peter (wir rauchten beide von seinen gelben Parisienne, die mittig auf dem Tisch lagen). „Modiano erinnert häufig an Hartmut Lange, stilistisch.“ Ich hatte tatsächlich nichts von dem 15. französischen Literaturnobelpreisträger gelesen, war ahnungslos, hatte ihn immer nur aus dem Augenwinkel wahrgenommen, da ich, gefangen in einer klassischen déformation professionnelle, seit Jahren mit Blick auf 1LIVE lese. 

Jetzt erscheint Patrick Modianos „Gräser der Nacht“ bei Hanser, ein kurzer Roman, über den Sebastian Hammelehle auf spiegel.de schreibt: „Und weil ihm das in „Gräser der Nacht“ so gut gelingt wie in seinen besten Romanen, hätte man sich in diesem Jahr 2014, in dem Patrick Modiano mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, kaum eine passendere Neuerscheinung von ihm wünschen können. Die Chance nach Gräser der Nacht von Modiano gepackt zu sein, steht nicht schlecht – aber das gilt ja letztlich für fast jedes seiner Bücher.“ Mein erster Modiano, in angenehmer 174-Seiten-Kürze, „Gräser der Nacht“ das mit diesem schlichten Satz anfängt: „Aber ich habe doch nicht geträumt.“

Ein Mann, es ist Hauptfigur und Erzähler Jean, geht durch die Straßen von Paris und klaubt in Gedanken eine vergangene Geschichte aus den sechziger Jahren auf: „Zwei oder drei noch lebende Zeugen müssten sich wohl finden lassen.“ Dass er nicht geträumt hat soll ein schwarzes Notizbuch beweisen mit Namen, Telefonnummern, Terminen von Verabredungen, kurzen Texten. Klar ist: der möglicherweise doch Träumende befindet sich in einem Zwischenreich. Sein Telefon klingelt nicht mehr, als sei er tot und „konnte es wirklich sein, dass ein Doppelgänger, den ich hier zurückgelassen hatte, immer weiter jede meiner alten Bewegungen wiederholte, meine alten Wege bis in alle Ewigkeit?“

Während bei Proust Madeleines und Lindenblütentee die Erinnerung beschwören ist es hier einer dieser Sonntagnachmittage im Hinterland von Montparnasse, die „eine Bresche in die Zeit“ reißen: „Du musst bloß hindurchschlüpfen“, ein halbes Jahrhundert zurück. An den gleichen Ort. Zu einer Frau. Dannie. – „Ich hatte sie in der Caféteria der Cité universitaire kennengelernt, wo ich oft Zuflucht suchte. Sie bewohnte ein Zimmer im Pavillon der Vereinigten Staaten, und ich fragte mich, mit welchem Recht, denn sie war weder Studentin noch Amerikanerin.“

Aber Dannie gibt rätselhafterweise an, immatrikuliert zu sein. Gleiches behauptet ihr mysteriöser marokkanischer Freund Aghamouri. Das spätere Wissen über diese Nicht-Immatrikulationen der beiden verändert in der Modiano-Erinnerung eine Vergangenheit („im Blick zurück entstehen die Dinge“, sangen Tocotronic). Denn Jean schildert sich als Ahnungsloser, während er längst alles weiß. Als Jean Aghamouri fragt, wie alt dieser sei, antwortet der: dreißig. „Dann schien er zu bedauern, mir das gesagt zu haben. Konnte man mit dreißig schon Student sein? Ich wagte nicht, ihm diese Frage zu stellen, aus Angst, ich könnte ihn verletzen.“

Aghamouri ist der Typ, den Jean goutieren muss, will er die Nähe zu Dannie aufrecht erhalten. Dem schlechten Gefühl des unheimlich Fremden steht hier dem Begehren gegenüber. Dannie ist 24, Jean vier Jahre jünger, und der junge Mann hat bislang kein Setting internalisiert, mit dem er seiner Liebesgefühle managen kann. So bedient sich Jean kulturell erlernter Strategien, man könnte auch sagen: Klischees. Einmal  flüchtet sich die zwei beispielsweise während eines Regengusses ins Foyer des Cinéma Montparnasse, was wie aus Nouvelle-vague-Filmen abgeschaut wirkt. In Cafés bestellt sie, ihm gegenübersitzend, Cointreau. In Kneipen sitzt sie auf dem Hocker. Er steht vor ihr.

„Im Vorübergehen hat sie mir die Kirche Saint-Christophe-de-Javel gezeigt, die sie regelmäßig aufsuchte, hat sie gesagt, um eine Kerze anzuzünden, nicht weil sie wirklich an Gott glaubte, sondern eher aus Aberglaube.“ Doch diese Erlebnisse sind keineswegs heimelig, sondern erscheinen umcodiert ab jenem Moment, in dem Jean erinnert, er sei wegen dieser Kneipe, aufgrund seiner Verabredungen mit Dannie und seiner Bekanntschaft mit Aghamouri polizeilich verhört worden. Die Szenen überschreiben sich damit und bekommen eine düstere Tönung: „Überall lag eine Bedrohung in der Luft und gab dem Leben eine besondere Farbe.“ Die Geschichte entwickelt sich, anders als zu Beginn vermutet, ins Thrillerartige. „Gräser der Nacht“ ist eine Schreckenserinerung. Denn diese warme Liaison zwischen Jean und Dannie steht im direkten Zusammenhang mit einem in Frankreich nachwievor bekannten Terrorakt: der Entführung und Ermordung des marokkanischen Oppositionspolitikers Ben Barka im Paris des Jahres 1965 durch zwei Agenten des französischen Auslandsgeheimdienstes.

Staatsaffairen wie diese kennt jedes Land – und stets motivieren derartige Verbrechen eine künstlerische Aufarbeitung. In Deutschland könnte man exemplarisch an den Überfall auf das Olympische Dorf 1972 in München denken oder an den nie restlos aufgeklärten Tod des SPD-Politikers Uwe Barschel 1987 in Genf. Modiano transferiert das im kollektiven Gedächtnis Aufbewahrte ins Individuelle, indem er mit Jean eine Figur installiert, die trotz ihrer Nähe zum Verbrechen unwissend bleibt. „All diese Leute denen ich begegnet bin, sah ich aus großer Ferne“, erinnert er und daran, dass er stets vor Glasscheiben, hinter Mauern und Vorhängen des Schweigens und der Geheimniskrämerei gestanden hat.

Dennoch wird er von Dannie in die Affaire hineingezogen: „Das Restaurant lag an der Ecke der Rue Blanche und einer kleinen Straße, die zur ‚Eglise de la Trinité führte. Die Vorhänge hinter den Glasscheiben seiner Fassaden waren zugezogen. Sie ging voraus, als betrete sie einen vertrauten Ort.“ Das ist Jeans Erinnerung, die irgendwann mit den Ermittlungsakten konfrontiert wird, die ihn zu der Erkenntnis treiben: „Alle diese armseligen Details betrafen uns nicht wirklich. Sie würden schon bald nicht mehr zählen in unseren Leben.“ Was zurückbleibt: „Der Bois, die leeen Avenuen, die dunkle Masse der Häuser, ein erleuchtetes Fenster, das einem das Gefühl gibt, man habe in einem anderen Leben vergessen, das Licht auszuknipsen, oder jemand erwarte einem noch…“ Dannie ist damals geflohen. Sie und Jean sahen sich seitdem nicht mehr wieder. „Bestimmt versteckst du dich in diesen Vierteln. Unter welchem Namen? Irgendwann finde ich die Straße. Doch jeden Tag sage ich mir, vielleicht gelingt’s mit ja ein andermal.“

Patrick Modiano: „Gräser der Nacht“, übersetzt von Elisabeth Edl, Carl Hanser, 178 Seiten, 18,90 Euro / Hier geht es zum Radiobeitrag in 1LIVE Plan B mit Moderatorin Christiane Falk

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