Anti-Terror-Kafka

„Nicht Sicherheit, sondern Freiheit legitimiert den modernen Staat.“ Diese Erkenntnis, im Essay „Die vergessene Freiheit“ (FAZ 24.April 2004) vom Berliner Rechtsprofessor Peter-Alexis Albrecht formuliert, umreißt nicht weniger die Aussage von Franz Kafkas Romanfragment „Der Bau“. 

Der Wuppertaler Schauspieler Olaf Reitz hat Freitag und Samstag seine Soloinszenierung im 45rpm-Club aufgeführt. Davor lief sie über mehrere Monate umfeiert im Recklinghauser Lehrbergwerg, unter Tage. In absoluter Dunkelheit, in der lediglich Reitz’ Stimme über eine vierspurige Tonanlage Angst und intellektuelle Faszination teilt, wird die rätselhafte Geschichte eines nicht näher bestimmten Wesens erzählt. Dieses hat in der Erde ein Labyrinthsystem nebst Festung, einen Bau, errichtet. Plötzlich hetzt es jedoch panisch aufgeschreckt durch die Gänge. Naht der Feind? Lauert was? Während die Lesung vollständig vom Band läuft, irrt Reitz selbst umher, verstärkt den räumlichen Effekt, indem er mitspricht, Zuschauerärmel streift, die Dichtung noch einmal verdichtet. In absoluter Dunkelheit entfaltet sich auf diese Weise ein hochaktuelles Spiegelspiel um Wahn und Sicherheit.

Schon früh sucht das Wesen beispielsweise einen Gegenspieler, der womöglich durch die schwächste Stelle, den Eingangsschacht, ins Labyrinth gelangt ist, so dass er sich diesem „an die Kehle werfen“ müsste. Wir erkennen uns erst im Widerschein des Gegenentwurfs, sagt dieses Stück, das Reitz bravourös zur rechten Zeit umgesetzt hat. Denn hier entfaltet sich exemplarisch Immanuel Kants politisch längst vergewaltigte Idee, dass Freiheit – und nur diese – der eigentliche Grund menschlichen Daseins ist. Schlussfolgernd ist „Der Bau“ eine mögliche Antwort auf moderne „Anti-Terror-Gesetze“, schlussendlich Literatur, die bleiben wird, bleiben muss.

(Die „Gesammelten Werke“ von Franz Kafka erscheinen im Fischer-Verlag / Beitragsbild: Wikipedia)

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