Linkradar: Guido Graf, Piper und die Märchen der Brüder Grimm

Ende dieser Woche war es endlich so weit. Die Organisatoren der großen change.org-Petition, die nicht akzeptieren wollten, dass die Uni Hildesheim den langjährigen Dozenten Guido Graf vor die Tür setzt (anstatt ihn endlich, endlich zu entfristen), konnte vermelden: „Soeben war der Präsident zum Gespräch mit der Studierendenschaft in Guidos Seminar und hat verkündet, dass Guido Graf schlussendlich doch entfristet wird. Ein großer Erfolg und ein wichtiger Schritt für die Zukunft der Lehre an der Uni-Hildesheim. Es ist geschafft! Das Seminar ist in tosenden Applaus ausgebrochen. Danke für eure Unterschriften und die z.T tollen Kommentare.“ Guido Graf und ich haben gemeinsam beim Social-Reading-Projekt zu Clemens Setz’ „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ eben hier über „Das Kind“ geschrieben. Interessant ist nun ein Gerücht aus der Universität Köln, wo der frühere Hildesheimer Studiengangsleiter Hanns-Josef Ortheil gerade eine Poetik-Dozentur inne hat; Angeblich sollen eben da die Vorbereitungen für einen neuen Studiengang „Literarisches Schreiben“ laufen (Lesen mit Links wird das im Blick behalten und zu gegebener Zeit berichten). Das Beitragsbild zeigt den „Appleton’s Book Store“, 346 & 348 Broadway New York aus dem Jahr 1856 (erneut genommen aus der Sammlung der „New York Public Library.“

Felicitas_von_LovenbergKein „Verbrechen“ mehr: Zuerst wurde bekanntgegeben, dass der langjährige Piper-Verleger Marcel Hartges (erfolgreich mit Ferdinand von Schirach, Hape Kerkeling und Charlotte Roche) den Laden verlassen wird. Kurz darauf war klar, wer seine Nachvolgerin wird. Felicitas von Lovenberg, einstige Literaturchefin der F.A.Z., „übernimmt zum 15. März 2016 die verlegerische Geschäftsführung.“ (Bild: Wikipedia) Damit ist die Journalistin von einer sterbenden in eine totgesagte Branche gewechselt, wie irgendwo in den sozialen Netzwerken zu lesen war. Literaturblogger Stefan Mesch schreibt auf Facebook: „von Lovenberg empfiehlt oft süffige, gehobene Unterhaltungsliteratur. Piper macht alles ein bisschen – junge Literatur, Fantasy, skandinavische Gegenwart, Klassiker – aber viele Titel sind mir am Ende ein Tick zu seicht/gefällig. Ich wünsche mir, dass Piper so offen, breit, leicht, zugänglich, unterhaltsam bleibt wie bisher – aber, mit Lovenberg: treffsicherer, literarisch interessanter.“

MarcSocial Reading: Am Wochenende findet mein „Clemens Setz/Sobooks-Seminar“ an der Universität Düsseldorf statt. Gefragt wird, wie neue Arten des Annotierens der Literaturkritik etwas hinzufügen. Passend dazu hat der Autor Marc Degens (Facebook-Profilbild rechts) ein neues Projekt gestartet. Unter dem „artniagarafalls“-Tumblr experimentiert er mit verschiedenen Textebenen (seiner eigenen Literatur), fügt „Links, Videos, Hintergründe, aber auch Entwürfe, Tweets etc.“ hinzu. Degens schreibt: „Das Ganze ist auch eine Form des Social Readings, da ja jeder registrierte Genius-Nutzer den Text ebenfalls online kommentieren kann.“

imageDichtung zum Zweiten: „Wie eine Provokation mutet der Slogan des Lyrikverlags Brueterich Press an“, berichtet Enno Stahl im Deutschlandfunk. „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis!“ Verleger dieses neuen Projekts ist der Dichter Ulf Stolterfoht. Seine Eltern haben ihr Haus verkauft, dadurch war plötzlich Geld da (es gibt viele Arten, einen verlag zu finanzieren -> Guggolz) „Das Copyright verbleibt bei den Autoren und das ist mehr als ungewöhnlich für einen Verlag, der eben nicht mit Druckkostenzuschüssen arbeitet, sondern das volle Risiko trägt“, sagt Enno Stahl. Autoren des ersten Programms sind Oswald Egger, Franz Josef Czernin und Marcel Beyer.

Doerr_coverNeue Kritik: Ob mit Setz/Sobooks, Genius oder eine gerade gestarteten Doppelrezensionsreihe der Blogs intellectures und litdocs; das digitale „Gespräch“ gesellt sich zur althergebrachten Einzelrezension. Während in den verschiedenen Feuilletons neue Bücher oft am Tag des Erscheinens rezensiert werden und daher Widerreden verhindert werden, bilden sich andere Diskursformen aus. Thomas Hummitzsch (intellectures) und Sabine Blackmore (litdocs) rezensieren zum Auftakt den auch zur Verwunderung des Verlags C.H. Beck untergegangenen Zweiter-Weltkriegsroman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ von Pulitzerpreisträger Anthony Doerr.

GrimmSpieglein, Spieglein: „Zu ihren Lebzeiten ist den Grimms vorgeworfen worden, das Alter der Märchen überschätzt zu haben“, berichtet Matthias Heine über die Brüder Grimm (also Jakob und Wilhelm, die sich nie als „Gebrüder“ bezeichnet haben. Wichtig. Außerdem würde das ihre Geschwister mitmeinen). Tatsächlich reichen einige der Märchen ins Indogermanische zurück. Heine schreibt: „Der Anthropologe Jamshid J. Tehrani, der zusammen mit der Völkerkundlerin Sara Graça da Silva 2000 Märchentypen aus 200 Gesellschaften untersuchte, sagte dem britischen „Guardian“, ihre Erkenntnisse würden Grimms Theorie bestätigen.“ So sind „Die Schöne und das Biest“ und „Rumpelstilzchen“ mindestens 2500 Jahre alt.

Pausenbild

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Wired berichtet hier über den Künstler und Designer Nicholas Rougeux aus Chicago: „In seinem Kunstprojekt „Between The Words“ zeigt er, wie berühmte Literaturklassiker wie ‚Der Zauberer von Oz‘, ‚Alice im Wunderland‘, ‚Die Zeitmaschine‘, ‚Stolz und Vorurteil‘ oder ‚Peter Pan‘ aussehen, wenn man die Wörter zwischen den Satzzeichen wegnimmt.“ Zum Künstler geht es hier entlang. Das Pausenbild zeigt die Arbeit zu „Eine Geschichte aus zwei Städten“ von Charles Dickens.

Konsuminventur

FussballSchlummergroschen: In Sofaritzen, unter Schränken, in alten Jeans finden sich immer wieder Geldstücke. Wer sie findet, kann sich im Eckkiosk eine Limonade leisten. Anders sieht das bei den Bezahlkarten in der Fußball-Bundesliga aus. Der Spiegel berichtete 2012 von den Vorteilen der „bargeldlosen Bratwurst“ – für die Vereine.  Es geht um Millionen, die nach der Saison in die Kasse von Bayern München, Borussia Dortmund usw. landen, weil man für jedes Stadion (Auswärtsspiele!) eine weitere Karte braucht. Der Rücktausch gestaltet sich extra kompliziert. Glück hat man nur, wenn wie vor sechs Jahren bei Bayer Leverkusen das Kassensystem abstürzt. „Der Klub entschied sich kurzerhand, alle Speisen und Getränke gratis herauszugeben, der Verlust ging in die Zehntausende.“ (Bild: Wikipedia.)

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